Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

540 Sechzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
überlassen; der Bauer ward zum Stiefkind der Entwicklung. 
So wurde weiter in den Städten die Herrschaft des einmal 
vorhandenen Patriziats gleichviel welcher Herkunft geduldet, und 
den Handwerkern wurden, wenn auch unter gewisser Regelung, 
die Zünfte bestätigt. 
Aber widersprachen nun diesen Festsetzungen nicht, wenigstens 
in gewissen Grenzen, die Interessen des Territoriums als eines 
wirtschaftlichen und sozialen Gesamtkörpers? Der Fürst und 
langsam ihm folgend auch die Stände mußten diese Interessen 
zur Geltung bringen. Von diesem Standpunkte erschienen 
ihnen alle Handwerker desselben Gewerbes innerhalb der 
Landesgrenzen als eine Genossenschaft oder wenigstens ein Kreis 
gleichartiger Lebenshaltung; dem entsprach es, wenn eine terri— 
toriale Regelung der Zünfte, z. B. in Österreich und in 
Württemberg, versucht ward. Von diesem Standpunkt galt 
ihnen ferner der kaufmännische Beruf innerhalb des Territoriums 
als einheitlich, gleichgültig, an welcher Stelle er betrieben ward; 
so lag eine territoriale Regelung der kaufmännischen Gesellschaften, 
des Wechsel- und Darlehnsrechts in der Luft. Vor allem 
aber: wie konnte ein ruhiges und einheitliches Wirtschaftsleben 
innerhalb des Territoriums erblühen, wenn nicht das Ver— 
hältnis der Territorialwirtschaft nach außen hin gleichmäßig 
geordnet ward? Schon früh hatte man dazu in der Landes- 
zollpolitik ein vorzüglich geeignetes Mittel gefunden; Verbote 
der Getreideausfuhr, der Bier⸗ und Weineinfuhr, Beschränkungen 
des Wollimports und Wollexports gehen nicht selten bis ins 
15. Jahrhundert zurück. Jetzt schritt man weiter. Man suchte 
sich hinweg zu heben über momentane Regelungen und Einzel⸗ 
maßregeln, wie sie bald durch dieses, bald durch jenes Vor— 
kommnis angezeigt erschienen; man suchte eine Theorie ständig 
festen Verhaltens zu entwickeln. Dabei knüpfte man natur— 
gemäß an die Betrachtung der Ein- und Ausfuhr und deren 
jetzt allgemeinen wirtschaftlichen Wertmesser, das Geld an — 
um so mehr, als die wirtschaftlichen Theorien dem Gelde 
schon seit dem 15. Jahrhundert ganz besondere, geheimnisvolle 
Kräfte der Prosperität zuzumessen begonnen hatten. Eine
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.