BL Die Beurteilung der Quellen
Texte wertvolle Aufschlüsse über das zugrunde liegende
Original geben. Doch haben sie in vielen Fällen nur für
den Gedankeninhalt und nicht für den Wortlaut des Textes
größere Bedeutung, wenn sie nicht rein philologisch den
Text interpretieren, oder bei der sachlichen Erklärung eine
bestimmte Form des Textes voraussetzen.
Den Kommentaren und Scholien sind manche alte
Paraphrasen beizuzählen, die von einer wörtlichen Über“
setzung soweit sich entfernen, daß sie meist nur eine er-
klärende Umschreibung des Originals bieten.
e) Die ältesten Zeugen eines "Textes sind nicht selten
Zitate und Nachahmungen bei späteren Schriftstellern. Es
ist aber bei diesen wohl zu. beachten, ob ein wirkliches
Zitat oder nur eine Anspielung vorliegt, ob ferner das Zitat
wörtlich oder nur dem Sinne nach und aus dem Gedächtnis
gemacht wurde, ob das Zitat selbst nicht später einer an-
deren Textform zuliebe geändert worden ist. Ebenso muß
die Zuverlässigkeit des zitierenden Zeugen nach den all-
gemeinen kritischen Regeln geprüft werden, bevor man sein
Zeugnis als beweiskräftig verwerten kann.
f) Endlich gehören zu diesen äußeren Textzeugen
auch alle sonstigen Zeugnisse und Nachrichten,
die uns irgend etwas über den Text selbst, seinen Inhalt,
seine Form, seine Entstehung und Erhaltung berichten.
9. Um mit Hilfe dieser Zeugen zu einem richtigen Ur-
teil über eine Quelle zu gelangen, müssen wir also zuvör-
derst jeden einzelnen Zeugen gründlich studieren und jeden
Text rücksichtlich seiner Herkunft, Echtheit und Glaub-
würdigkeit untersuchen. Sodann müssen wir auch ihre
Beziehung zueinander prüfen, um eine etwaige Abhängig-
keit und Verwandtschaft unter ihnen festzustellen und dar-
nach die zusammengehörigen Gruppen zu bilden und den
Zeugenwert jeder Gruppe zu bemessen.
3. Diese Gruppierung der Textzeugen ist eine der
hauptsächlichsten und schwierigsten Kritischen Aufgaben.
Nicht bloß die Handschriften, sondern auch alle übrigen
Textzeugen müssen bei dieser Gruppierung notwendig : be-
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