Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
alte Adelsfamilie, und ein Verein einen solchen ebenso schwächer als eine 
Nation. Am stärksten ist der Drang bei der Nation und vielleicht noch 
mehr beim Staate. Hier überwiegt er alles andere so sehr, daß Staat und 
Nation zu anderen ihresgleichen fast nur im Machtverhältnis stehen, d. h. 
in einem Verhältnis, das lediglich durch den Willen bestimmt wird, sich 
nöglichst weitgehend durchzusegen. Die früher verbreitete liberale Auf- 
Fassung vom Staate, wonach sich sein Wesen in bloßen Wach- und Schu$- 
Punktionen nach Art eines lockeren Vereines erschöpfe, ist durch die Er- 
fahrung der legten Jahrzehnte glänzend widerlegt. Selbst derjenige 
Staat, auf den sie am ehesten zuzutreffen schien wegen der starken 
Vorherrschaft der Wirtschaftsinteressen im ganzen Leben der Bevölke- 
rung, selbst die Vereinigten Staaten haben namentlich seit dem Welt- 
kriege in ungeahntem Maße einen nationalen Machtwillen entfaltet. In 
der modernen Familie äußert sich der Drang vor allem als Verlangen 
nach Nachwuchs, durch den das individuelle Dasein verlängert wird 
Dagegen bei älteren Formen, namentlich der patriarchalischen Großfami- 
lie, kann man ähnlich wie bei der Nation und dem Staate fast von einem 
Verlangen nach Unsterblichkeit sprechen. Ähnlich sträubt sich fast jeder 
Verein gegen den Zerfall, zeigt sich empfindlich gegen Verminderung der 
Mitgliederzahl und strebt nach Ausdehnung. Auch jedes Institut oder 
jede Behörde, wenn sie einmal ins Leben gerufen sind, haben einen 
Drang, nicht nur sich zu behaupten, sondern auch den Kreis ihrer Ge- 
schäfte und Aufgaben zu erweitern. Das Drängen der modernen Unter- 
ı1ehmung auf unbegrenzte Ausdehnung ist wohl ebenso zu erklären. Auch 
ias moderne Bevölkerungsproblem reiht sich hier ein: die für die Bedenk- 
lichkeit und Schädlichkeit des Geburtenrückganges angeführten Gründe 
stellen nur eine Oberflächenmotivierung dar gegenüber einer Instinkt- 
motivierung, die die Lebensbejahung und Machtentfaltung der Gruppe 
Jurch Geburtenrückgang beeinträchtigt fühlt. 
Wenn wir vom Lebensdrang der Gruppe sprechen, so ist das natürlich nicht als 
;ine bloß bildliche Bezeichnung gemeint. Es ist vielmehr ebenso zu verstehen wie 
ınsere Rede von den Gruppenangelegenheiten, dem Gruppenbewußtsein, dem Grup- 
jeneigentum usw. Auch hier ist der Ort, an dem das Phänomen auftritt, das Be- 
wußtsein der einzelnen Träger der Gruppe; erlebt aber werden die einschlägigen In- 
‚eressen, Tendenzen und Bestrebungen nicht als Angelegenheiten der einzelnen Per- 
;onen, sondern vermöge der bekannten Ausweitung des Ichbewußtseins als Interessen 
„unserer“ Gruppe. 
2, Der Inhalt des Lebensdranges ist für die Gruppe in der Haupt- 
zache derselbe wie für den Einzelnen: die Gruppe strebt nach Erhaltung 
Jes Daseins und der Macht, wie nach Steigerung der Macht und der äuße- 
ven Güter und endlich auch nach Erhaltung und Mehrung geistiger Gü- 
ter — zusammengefaßt nach Wertverwirklichung entsprechend dem herr-
	        
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