Object: Holländische Wirtschaftsgeschichte

war, wenn man ihm seinen Käse und seine Butter abkaufte, wenn 
er seinen Genever nicht zu hoch zu versteuern brauchte und wenn 
er in Ruhe zuschauen konnte, wie deutsche Tagelöhner ihm das 
Korn mähten, den Torf gruben, überhaupt die schwere Arbeit über- 
nahmen. Nur ungern trennte er sich von seiner Treckschuite und 
sah mit Mißtrauen auf Diligence und Eisenbahn. Jahrzehntelang 
ließ er sich eine liederliche Finanz- und Kolonialverwaltung ge- 
fallen und ertrug Steuern, die durch die Unbilligkeit ihrer Ver- 
anlagung längst den Tadel des Auslandes auf sich gezogen hatten. 
Wäre nicht Belgien, der ihm. zwar wenig sympathische, aber wirt- 
schaftlich rührigere Nachbar, gewesen, Hollands wirtschaftliche 
Energie wäre völlig eingeschlafen und das Volk hätte sich beruhigt 
bei den ihm durch die günstige Lage des Landes von selbst zu- 
fließenden Gewinnen, die zusammen mit dem altererbten Wohl- 
stand eine ausreichende Lebensrente sicherten. Nachdem dann in 
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die wirtschaftliche Neugeburt 
sich langsam, aber stetig durchgesetzt hatte, entwickelte sich das 
Land zu neuer Blüte, die zwar nicht so ungewöhnlich war wie die 
des 17. Jahrhunderts, sondern sich in den Grenzen moderner Wirt- 
schaftsmaßstäbe hielt. Die Grundlagen dieser Blüte waren noch 
die alten: Handel, Schiffahrt, Kolonialwirtschaft, Industrie, 
Fischerei, Landwirtschaft. Für Handel und Schiffahrt gewann das 
deutsche Hinterland mehr und mehr an Bedeutung; die kolonialen 
Besitzungen waren noch von großem Einfluß; aber dieser war doch 
nicht mehr so überwiegend wie früher; die Landwirtschaft ging 
notgedrungen vom extensiven zu einem ausgesprochen intensiven 
Betrieb über; die Industrie schlug zwar hier und da neue Bahnen 
ein, so in der Margarine- und Chokoladenfabrikation; sie hatte 
aber im Wirtschaftsleben des Landes nicht mehr die überragende 
Stellung, die man ihr einst künstlich geschaffen hatte; für eine 
Industrieschutzpolitik bestand kein Boden mehr. Ein bedeutender 
Wandel vollzog sich in den Standorten des Handels. Rotter- 
dam, das bei Beginn des von uns geschilderten Zeitabschnittes 
noch im wesentlichen von Heringsfang und Heringshandel lebte, 
verdrängte jetzt, dank seiner ausgezeichneten Verbindungen mit 
dem Hinterlande, Amsterdam völlig; im Ein-, Aus- und Durch- 
fuhrhandel war es unbestritten der erste Hafen, wenn auch ein 
großer Teil dieses Verkehrs auf der Spedition beruhte. Nicht mehr 
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