Full text : Hundert Jahre J.P. Bachem, Buchdruckerei, Verlagsbuchhandlung, Zeitungsverlag

handlungsreiches  Werk,  dessen  treibende  Kräfte  Standesvorurteile
  sind.
Das  erste  Kapitel  des  Romans  sandte  sie  an  Josef  Bachem,  der  die
Arbeit  lobte,  wenn  er  auch  später  noch  sehr  viel  an  ihr  zu  verbessern
fand.  „Das  Manuskript“,  sagt  die  Verfasserin  in  ihrer  Lebensbeschreibung,
„war  herzlich  schlecht  und  hat  jedenfalls  dem  Bearbeiter  viele  Mühe
verursacht.  Wenn  meine  schlechte  Schrift  und  mangelnde  Interpunktion
ihn  gewiß  oft  schier  zur  Verzweiflung  brachten,  so  übten  die  Korrekturen
auf  mich  eine  ähnliche  Wirkung  aus.“
Das  Werk  erschien  von  Januar  bis  März  1875  zunächst  im  Unterhaltungsteil ­
  der  Kölnischen  Volkszeitung  und  wurde  von  den  Lesern  mit
wahrer  Begeisterung  verschlungen.  Im  Herbst  desselben  Jahres  lag  es
als  Buch  vor  und  hatte  einen  so  durchschlagenden  Erfolg,  daß  die  erste
starke  Auflage  in  acht  Monaten  vergriffen  war.  1907  erschien  die  25.
Auflage  und  gleichzeitig  eine  Prachtausgabe  mit  einem  Gedenkblatt  von
Frl.  M.  Hamann.  Es  war  das  erstemal,  daß  eine  Romandichtung  einer
katholischen  Schriftstellerin  in  Deutschland  es  auf  ein  Viertelhundert
Auflagen  gebracht  hatte.  (1918  wurde  das  56.  Tausend  gedruckt.)  Eine
englische  Uebersetzung  erschien  bei  Burns  and  Dates  in  London  unter
dem  Titel  „Nora.  A  novel  by  Mary  Princess  Liechtenstein“,  dem  Namen
der  Uebersetzerin.  Auch  ins  Spanische  ist  das  Werk  übertragen  worden.
Durch  den  Erfolg  angeregt,  nahm  die  Schriftstellerin  nunmehr  eine
neue  Arbeit  vor,  die  früher  aus  dem  Grund  liegen  geblieben  war,  weil
in  ihr  ein  städtisches  Ballfest  eine  Rolle  spielte,  während  sie  ein  solches
noch  nicht  erlebt  hatte.  So  umweht  die  Novelle  „Nicht  wie  alle
Andern“  ein  Teilchen  Jugendhauch.
Während  dann  noch  ein  anderes  kleineres  Werk  „Aus  fernen
Landen“  entstand,  ein  Bild  mexikanischen  Landsehafts-  Kultur-  und
Liebeslebens,  entwarf  Ferdinande  schon  den  Stoff  zu  ihrem  zweiten
großen  Roman  „Daniella“.  Der  Kampf  des  von  Gott  losgelösten  selbstherrlichen ­
  Geistes  (geschildert  in  der  Heldin)  gegen  die  demütige  Unterordnung ­
  und  die  Arbeit  für  die  höchsten  Ideale  des  christlichen  Glaubens
schwebte  ihr  dabei  vor.  Auch  dieser  Roman  erzielte  sowohl  bei  den
Lesern  der  Kölnischen  Volkszeitung,  wo  er  von  Dezember  1877  bis  Mai
1878  erschien,  wie  auch  in  Buchform  im  Jahre  1878  einen  großen  Erfolg.
Hatte  die  Dichterin  bisher  ihre  Stoffe  ihrer  aristokratischen  Umwelt
entnommen  —  auch  in  der  Tochter  des  Kunstreiters  handelt  es  sich  um
hochgestellte  Personen  —  so  trat  in  ihrem  nächsten  Roman  „Am  Heidstock“ ­
  zum  erstenmal  ihr  soziales  Empfinden  in  den  Vordergrund,  in
dem  sie  das  ihr  ebenfalls  wohlbekannte  Volksleben  ihres  Dorfes  zum
Vorwurf  nahm.  Diesem  1881  erschienenen  Werke,  in  dessen  Mitte  eine
schlichte  Bauerntochter  steht,  folgte  schon  1883  die  Novelle  „Prinzeß
Ada“,  in  der  eine  Fürstentochter  ihr  Herz  an  einen  im  Range  Tieferstehenden ­
  verliert.
            
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