Leser und Leserinnen nun durch moderne Lebenswirren führen oder in
längst verflossene Zeiten, wie in der Künstlernovelle „Alessandro
Botticelli“ (1901) die Mediceerherrschaft schildern, oder wie in der
Novelle „A g 1 a e“ aus dem 4. Jahrhundert (1897) das Eindringen des
Christentums in die römische Welt zeichnen. (1918 erschien sie neu
unter dem geänderten Titel „Die Römerin“.)
Eine erstaunliche Reife wies schon der erste Roman der Vierund-
zwanzigj übrigen „Das Kind seines Herzens“ auf. Hier schon zeigte sich
eine sichere Komposition, der tiefe ethische Ernst, der alle Bücher der
Verfasserin durchzieht, und unverkennbar auch die Anfänge der feinen
psychologischen Darstellungsweise, die ihr ganzes Schaffen auszeichnet.
Gleichzeitig mit diesem Erstling machte sie sich mit dem Band „Flitter“
auch auf dem Gebiete der Novelle bekannt, wo sie später zur Meister
schaft heranreifen sollte. Die vollständige Aufführung ihrer zahl
reichen Werke ist aus dem Verlagsverzeichnis vom Jahre 1884 ab zu
ersehen.
M. Herbert ist mit ihrer ganzen Gedankenwelt eine katholische Dich
terin (sie hat ihre Ausbildung bei den Ursulinen in Fritzlar genossen),
aber von dem, was man Tendenz nennt, ist sie weit entfernt; ihr künst
lerisches Empfinden bewahrt sie vor dieser Klippe mancher Schriftsteller.
Ihr Reichtum an Lebensweisheit, der sich in Sinn- und Denksprüchen
äußert, offenbart sich in den „Aphorismen“ aus ihren Werken
(1895). Freilich wird ihr dieser Umstand von manchen Kritikern
verübelt; auch Heinr. Keiter, dem sie im Jahre 1888 als dessen
zweite Frau die Hand zum Lebensbunde reichte und an dessen Seite
sie zehn glückliche Jahre verlebte, machte bei der Besprechung der
„Jagd nach dem Glück“ die Ausstellung, daß der Fluß der Er
zählung durch solche Einschaltungen unterbrochen werde. Andere
Beurteiler empfinden dagegen diesen gedankentiefen Reichtum als einen
Vorzug.
Anna Freiin von Krane nennt Herbert in der „Zukunft“ vom 20. Juli
1907 eine „Dichterin der Stimmung“. Diese Eigenschaft prägt sich am
deutlichsten in ihrer Lyrik aus, die in den Bänden „Einsamkeiten“
(1903, 6. Aufl. 1915), „L e b e n s 1 i e d e r“ (1908), „Heimfahrten (1910),
„Tröstungen“ (1912), „Verborgenheiten“ (1914) gesammelt sind.
Tief dringt sie hier in das menschliche Herz, und mit der ernsten,
zeitweilig wehmütigen Lebensauffassung vereint sich eine seltene Liebe
zur Natur. Hervorragendes hat sie auf dem Gebiet der religiösen Lyrik
geschaffen. In ihrer Prosa zeichnet sie mit einer gewissen Vorliebe den
schwachen haltlosen Mann, das starke uneigennützige Weib und das
leidende Kind. Trotz ihres Reichtums an Gestalten sind sie alle echt
und wahr; mit geringen Ausnahmen geht ihr über das äußere Geschehen
die Schärfe der Charakteristik und die Wahrheit des psychologischen
Gemäldes.
100 Jahre J. P. Bachem.
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