5. Die Krisis im Magdeburger Zuckerhandel (1889).
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die Preise stiegen stetig weiter. Aber eine ungesunde, übertriebene, ja wahnsinnige
Spekulation hatte sich dazwischengedrängt und erhielt leider, gefördert durch die Erfolge,
noch mehr durch die unglückselige Einrichtung des Regulierungsbureaus*) gestärtt, gar
bald die Führung der ganzen Bewegung. Es waren drei Firmen, welche dieses
unselige Kleeblatt bildeten, das so viel Schaden über Magdeburg brachte. Mit,
wenigstens auf einer Seite, erheblichen Mitteln ausgerüstet, hatten sie sich für diese
Lauffeoperation verbunden, kauften, jedes angebotene Quantum und ttieben die Preise
täglich. Sie scheuten sich nicht, selbst zu den höchsten Preisen noch Quanten von
50,000 Sack aufzunehmen, um die künstlich getriebenen Preise zu halten. Die stets
erfolgende Auszahlung der erheblichen, eigentlich nur auf dem Papier, nicht in Wirklichkeit
erzielten Gewinne gab ihnen immer neue Mittel, ihre Unternehmungen stets weiter und
größer auszuspinnen. Wenn ein Geldbedarf eintrat, inszenierten sie eine neue Steigerung.
Da die offiziellen Notierungen die gemachten Geschäfte berücksichtigen mußten und für
die Abrechnungsstelle maßgebend waren, brachte ihnen jede Steigerung neue Mittel
durch die ihnen ausgezahlten Differenzen auf ihre schwebenden großen Quanten. So
mußten ihre unglücklichen Verkäufer selbst ihnen die Mittel liefern, ihre Treibereien
bis ins Angemessene fortzusetzen. Es war in jener Zeit, als ob ein Taumel weite Kreise
ergriffen hätte. Man hörte von großen Gewinnen, die an der Zuckerbörse gemacht
waren. Ladeninhaber, Landwerker und Beamte wollten spekulieren, Zucker kaufen und
verdienen. An den etwaigen Verlust dachte niemand; es war ja so einfach, man
kaufte und verkaufte einige Tage später und hatte das Geld zu einer Badereise!
Gewissenlose Leute fanden sich leider, die solche Aufträge der Börse zuführten, die
Treiberei verstärkten und so manchem bitteren Verlust brachten.
Doch diese unnatürliche Übertreibung einer sonst an sich in mäßigen Grenzen
vollberechtigten Spekulation mußte zusammenbrechen und brach entsetzlich zusammen.
Als der Lieferungstermin herangekommen war, wurden die vom Laussekonsortium
gekauften Quanten meist in effektiver Ware geliefert, während die Laussiers darauf
rechneten, daß die Verkäufer die ihnen verkaufte Ware ganz oder doch großenteils
von ihnen zurückkaufen müßten, wobei sie dann die Preise zu dittieren gedachten.
Namentlich das Ausland, welches in der Lauptsache gegen sie Verkäufer war, war
bestrebt, alles in effektiver Ware zu liefern. Österreich sandte, was es irgend hatte,
von England wurden deutsche und österreichische Zucker zurückbeordert, wir selbst erhielten
für Pariser Verkäufe belgischen und französischen Zucker, und so brach das ganze
Kartenhaus zusammen. Der totale Ruin der Spekulanten und vieler kleiner Firmen
war da, aber mit ihm der große Verlust auch der solidesten und sich von jeder
Spekulation fernhaltenden Läufer. Denn ein jeder hatte Engagements nach allen
Seiten und erlitt zahlreiche Verluste, während er selbst als Kommissionär durch das
übernommene Delkredere seinen Lintermann voll decken mußte. Lätte man alle diese
Verbindlichkeiten durch Verbuchung bei einer Liquidationskasse von sich abwälzen können,
so würde der solide Kandel ohne Schaden aus dieser Katastrophe hervorgegangen sein,
die bloße Spekulation hätte freilich dabei auch untergehen müssen, aber in dem Momente,
als sie am Ende ihres eigenen Kapitals war, ehe sie durch künstliche Mittel weiteres
Anheil stiften konnte, namentlich nicht so viel, als es durch ihre unglückselige Alimentaüon
durch das Abrechnungsbureau möglich geworden war.
*) pilet a. a. D. 5. 52: „Bei dem Regulierungsbureau mußten alle Engagements ange
meldet werden. Dieselben wurden in regelmäßigen Zwischenräumen auf den Tagespreis gestellt,
und jeder, für den sich ein Verlust ergab, mußte denselben einzahlen. Man machte aber den großen
Fehler, dessen gefährliche Tragweite freilich zunächst nicht hervortrat, daß man denen, deren
Kontrakte eine» Gewinn ergaben, diesen herauszahlte, so daß die eingezahlten Verluste und Gewinne
sich saldierten." — G. M.