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Zeit so traurig, mir war so unbehaglich, mein Herz
zog sich so schmerzhaft zusammen, daß ich krankzuwerden
und dadurch unsere Rückreise nach Rußland zu ver
hindern fürchtete, wohin es mich, zermartert wie ich war,
mit allen Kräften meiner Seele zog. Mein Vater be
griff meinen Zustand und bedauerte, daß er dem Wunsche
Lassalles nachgegeben hatte.
Lassalle war rührend zärtlich. Er wiederholte öfters,
daß er nur von Rußland aus eine Entscheidung annehme;
daß er hoffe, die Trennung von ihm würde meine Ge
fühle für ihn wachrufen. Ungeachtet meiner Bitte unter
Tränen, mich nicht zu quälen, fiel er immer wieder in
den früheren Ton seiner Erklärungen. Wir verbrachten
den ganzen Morgen in seinem Kabinett. Unser aller
Stimmung war so traurig, daß es den Anschein hatte,
als ob eine Leiche im Hause sei.
Die traurige Stimmung wurde auf kurze Zeit durch
die Erscheinung von Lassalles Schwager, dem Manne
seiner einzigen Schwester, unterbrochen. Diese Figur
repräsentierte den Typus des reichgewordenen Juden,
den der Firnis der europäischen Zivilisation noch nicht
berührt hat. Der Ausdruck seines Gesichts, seine Ma
nieren waren grob und eckig. Seine modische, euro
päische Kleidung, die schwere goldene Kette und die
Menge Ringe mit Edelsteinen konnten es nicht ver
bergen, daß er den Laden oder die Funktion als Agent
erst unlängst verlassen haben müsse. Dieser Herr begann
fast mit den ersten Worten über Lassalle herzufallen,
über dessen politische und soziale Ideen, über seine
Propaganda. Zwischen ihm und Lassalle begann ein
origineller Streit. Er erhitzte sich fürchterlich und warf