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kam zufällig der alte Lassalle. Tochter und Schwieger
sohn nahmen ihn kurz vor Tisch ins Gebet, damit er sich
ja nicht verplaudere, daß sie Juden seien. Den Alten
empörte das, aber er schwieg.
Als alle sich an den Tisch gesetzt hatten, bat der alte
Lassalle um Aufmerksamkeit, und als alles still war,
fragte er laut, ob auch die Anwesenden wüßten, daß sie
an dem Tische eines Juden saßen. „Ich halte es für
meine Pflicht, mitzuteilen, daß ich ein Jude bin, daß
meine Tochter eine Jüdin ist und daß mein Schwieger
sohn ein Jude ist! Ich wünsche nicht durch einen Betrug
die Ehre zu erkaufen, mit Ihnen zu speisen." Be
greiflich antworteten die gebildeten Leute mit voller
Liebenswürdigkeit und ließen Lassalle hochleben. Der
Schwiegersohn aber war in die äußerste Verlegen
heit gebracht und konnte dem Alten diesen Einfall
nie vergessen.
Zu unserm Mittagessen kam nur die Gräfin; auch
sie war wie trübsinnig und schweigsam, obschon sie sich
mit großer Zärtlichkeit an mich wandte. Es schien mir,
als ob sie mich verstünde.
Mir war unbeschreiblich schwer zumute, und obschon
Zweifel in bezug auf die Art meiner Gefühle für Lassalle
in mir nicht mehr aufstiegen, wollte ich doch, im Hin
blick auf die heiße, unbegrenzte Liebe, welche sich in
jeder Bewegung, in jedem Blicke kundtat, mich in eine
Stimmung versetzen, in der ich die Möglichkeit hätte,
selbstlos seine Liebe zu erwidern. Und je mehr ich mich
selbst überzeugen wollte, daß das möglich sei, um so
trübsinniger und zurückhaltender wurde ich gegen meinen
Willen.