Full text : Ferdinand Lassalle

222

sie  konkurrierend  ihren  Betrieb  zu  vergrößern  und  ihre
Annonceneinnahmen  zu  vermehren  streben.  Aber  wer
soll  unter  dieses  Heer  gehen,  wer,  der  sich  selber  achtet,
wer,  der  nur  irgendwelche  Befähigung  zu  reellen  Leistungen ­
  auf  dem  Gebiete  der  Wissenschaft,  des  Gedankens
oder  des  bürgerlichen  Lebens  in  sich  fühlt?  Ihr,  Proletarier, ­
  verkauft  Euren  Arbeitsherren  doch  nur  Eure
Zeit  und  materielle  Arbeit.  Jene  aber  verkaufen  ihre
Seele!  Denn  der  Korrespondent  muß  schreiben,  wie
der  Redakteur  und  Eigentümer  will;  der  Redakteur  und
Eigentümer  aber,  was  die  Abonnenten  wollen  und
die  Regierung  erlaubt!  Wer  aber,  der  ein  Mann  ist,
würde  sich  zu  einer  solchen  Prostitution  des  Geistes
hergeben?  Ferner  bedenkt  die  zerrüttenden  Folgen,
welche  diese  metiermäßige  Beschäftigung  noch  in  anderer
Hinsicht  nach  sich  zieht.  Ihr,  Proletarier,  verkauft  Euch
doch  nur  zu  einem  Geschäft,  das  Ihr  kennt  und  versteht,
jene  aber,  die  geistigen  Proletarier,  müssen  täglich  lange
Spalten  füllen  über  tausend  Dinge,  über  Politik,  Recht,
Ökonomie,  Wissenschaft,  über  alle  Fächer  der  Gesetzgebung, ­
  über  diplomatische  und  geschichtliche  Verhältnisse
aller  Völker.  Ob  man  das  Hinreichende,  ob  man  das
Geringste  davon  verstehe  oder  nicht  —  die  Sache  muß
behandelt,  die  Zeitung  gefüllt  sein,  das  Geschäft  bringt  eS
so  mit  sich!  Dazu  der  Mangel  an  Zeit,  die  Dinge  näher
zu  studieren,  in  Quellen  und  Büchern  nachzuforschen,
ja  selbst  nur  sich  einigermaßen  zu  sammeln  und  nachzudenken. ­
  Der  Artikel  muß  fertig  sein,  das  Geschäft  bringt
es  so  mit  sich!  Alle  Unwissenheit,  alle  Unbekanntschaft
mit  den  Dingen,  alles,  alles  muß  möglichst  versteckt
werden  unter  der  abgefeimten  routinierten  Phrase.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.