Full text : Ferdinand Lassalle

Lassalle  war  unterwegs  sehr  still;  nur  als  wir  über
daS  holperige  Steinpflaster  kanien,  sprach  er  von  dem
Schmerze,  den  ihm  die  Wunde  verursache,  und  fragte,
ob  wir  bald  zu  Hause  seien.
Daß  die  Wunde  gefährlich,  wußte  ich  aus  Erfahrung.
Daß  sie  tödlich  sei,  erfuhr  ich  erst  gegen  Mittag,  als  ich
auf  sein  Dringen  zu  einem  Notar  eilte,  von  Dr.  Seiler,
der  mir  begegnete.
Als  der  Notar  kam,  schickte  ich  ihn  wieder  fort,  weil
Lassalle  mir  damals  nicht  in  dem  Austand  schien,  jemand
zu  empfangen.
Am  28.  August  war  Lassalle  auf  den  Tod  verwundet  worden,
am  31.  August  1864  ist  er  gestorben.  Sein  Tod  ist  in  Deutschland ­
  eine  Zeitlang  von  vielen  gar  nicht  geglaubt  worden,  Märchen
und  Legenden  bildeten  sich.  Die  deutsche  Arbeiterbewegung,  die
er  ziemlich  monarchisch  organisiert  hatte,  stockte  und  konnte  sich
lange  nicht  erholen,  ihr  war  der  Kopf  abgeschlagen.  Weder  die
Gräfin  HaHfeldt,  die  ihn,  kindlicher  Wille,  politisch  beerben  wollte,
noch  I.  B.  v.  Schweitzer,  der  ihm  innerlich  verwandt  war,  haben
die  Lücke  einigermaßen  füllen  können.  Kläglichster  Sektenstreit
entstand.  Aber  die  Kleinheit  dieser  Führer  gab  dem  Lassallekultur
erst  recht  Nahrung.  Keiner,  der  ihm  begegnet  ist,  hat  von  Lassalle
gleichgültig  scheiden  können.  Cs  ging  jedem  wie  Richard  Wagner,
der  Lassalle  ein  einziges  Mal  begegnet  ist  und  dann  ihn  verkündet
hat  als  „den  Typus  des  bedeutenden  Menschen  unserer  Zukunft,
welche  er  die  germanisch-jüdische  nennen  müsse".
            
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