Neue Dichtung.
481
eines streng disziplinierten Szenenaufbaues alsbald näher.
Etwas von dieser Wandlung läßt sich schon im „Fiesco“ wahr—
nehmen; wie die theatralischen Wirkungen hier bei allem
Grellen, das ihnen noch anhaftet, doch nicht mehr das Ur—
sprüngliche der ungezügelten Wildheit der „Räuber“ aufweisen,
so sind auch die Charaktere schon mehr voll abgewogenen
Lebens; und finden sich schwere Verzeichnungen, wie die der
Julia, so wird doch in Muley Hassan selbst dem Humor, einem
selteneren Gaste bei Schiller, ein unerwartetes Recht. Einer
bei weitem höheren Entwicklungsstufe des Dichters gehört dann
aber „Kabale und Liebe“ an. Gewiß ist auch hier der Aufbau
des Intrigenspieles noch zu verstandesmäßig und darum mehr
von raffinierter Lebhaftigkeit als von der einfacheren Fülle
quellenden Lebens: aber er ist doch in sich klar, ja vollendet
durchsichtig; und rasche, energische, immer spannende Szenen⸗
führung vereint sich mit einem großen Zuge zu einfacher Wirk⸗
lichkeit. Darum sind denn auch die Gestalten namentlich jener
Umwelt, die Schiller besser kannte, insbesondere des Heims
der Musikantenfamilie, wirklich Menschen von Fleisch und Blut,
und zwar nicht bloß Luise und ihre Mutter, sondern noch
mehr fast das Haupt der Familie, der vermutlich Schillers
Vater nachgebildete Miller.
Freilich darf man über alledem nicht vergessen, daß wie
in der Schicksalsidee, so auch in der Gestaltenbildung während
des Sturmes und Dranges die volle Sicherheit und Höhe
einer neuen Dichtung noch nicht erreicht worden ist: wie weit
bleiben die Dramen dieser Zeit doch zurück hinter dem psycho—
logischen Drama der achtziger Jahre, hinter „Tasso“ und
„Iphigenie“, ja selbst hinter dem „Egmont“ Goethes!
Aber war nicht das Erreichte schon gewaltig genug? Bangt
und jauchzt nicht noch heute das Herz im Anblick der Schick—
sale Götzens oder Ferdinands? Auch die Goetheschen Dramen
höchster Kunst waren ihrer Zeit eingeschrieben, auch sie noch
standen nicht auf der Höhe der naturalistischen Anforderungen
unserer Gegenwart — und doch waren sie weit mehr als „Götz“
oder „Kabale und Liebe“.