Full text : Leben und Lehre des Buddha

100  VII.  Die  Gemeinde  und  der  Kultus.

damals  ein  Text  des  Vinayapitaka  und  Suttapitaka  zu  Räjagrha
festgestellt,  eine  Angabe,  an  der  zu  zweifeln  kein  Grund  vorliegt.
Dieses  Dhammavinaya,  „Gesetz  und  Disziplin",  wie  man  es
mit  den  Pali-Texten  nennen  kann,  war  gewiß,  wie  erwähnt
(S.  5),  in  Mägadhi  abgefaßt  und  bildete  die  Grundlage,  auf  der
später  alle  andern  Kanons  aufgebaut  wurden.  Dem  Inhalte  nach
wird  es  sich  mit  den  beiden  ersten  Pitakas  des  südlichen  Kanons
in  allen  wichtigen  Teilen  gedeckt  haben,  schwerlich  aber  im  Umfang. ­
  Die  spätere  Tradition  berichtet,  daß  nach  Schluß  der  Versammlung ­
  Käsyapa  noch  selbst  die  Tribüne  bestieg  und  auch  das
dritte  Pitaka,  das  Abhidhammapitaka,  verkündete.  Daß  diese
Überlieferung  ganz  ungeschichtlich  ist  und  durch  die  im  Abhidhammapitaka ­
  enthaltenen  Werke  selbst  widerlegt  wird,  ist  bereits  erwähnt ­
  worden  (S.  6).  Die  alten  Texte  wissen  davon  nichts;  sie
erzählen  im  Gegenteil,  daß  der  von  den  Ältesten  festgestellte  Kanon
zunächst  nicht  allgemeine  Annahme  fand.  Nach  Schluß  des  Konzils, ­
  so  wird  berichtet,  kam  der  Lthavira  Puräna  aus  Daksinägiri
nach  Räjagrha.  Die  Ältesten  sagten  zu  ihm:  „Von  den  Ältesten,
Bruder  Puräna,  ist  das  Gesetz  und  die  Disziplin  festgesetzt  worden;
  nimm  diesen  Kanon  an."  Darauf  erwiderte  Puräna:  „Das
Gesetz  und  die  Disziplin,  ihr  Brüder,  ist  von  den  Ältesten  gut
festgesetzt  worden.  Aber  ich  will  doch  lieber  an  dem  festhalten,
was  ich  von  dem  Herrn  selbst  gehört  und  gelernt  habe."  Die
Ältesten  entgegneten  darauf  nichts.  Sie  hatten  also  kein  Mittel,
um  Puräna,  dem  die  Tradiüon  die  übliche  große  Zahl  von  500
Mönchen  zuschreibt,  zur  Annahme  ihres  Kanons  zu  zwingen.
Das  zweite  Konzil  fand  der  südlichen  Überlieferung  nach
100  Jahre  später  statt  als  das  erste.  Damals  herrschte  in  Magadha
  König  Asoka,  zum  Unterschiede  Von  Asoka  Priyadarsin,
der  auch  Dharmäsoka  genannt  wird,  Käläsoka,  „der  schwarze
Aäoka",  genannt.  Die  Veranlassung  zu  diesem  Konzile  geben  die
südlichen  und  nördlichen  Quellen  ganz  gleich  an.  Es  wird  berichtet, ­
  daß  die  Mönche  zu  Vaisäli  sich  zehn  Übertretungen  der
Gesetze  Buddhas  zuschulden  kommen  ließen.  Einige  davon  erscheinen ­
  überaus  geringfügig.  Buddha  hatte  verordnet,  ein  Mönch
solle  sich  keine  Vorräte  aufspeichern.  Dagegen  verstießen  nach
Ansicht  der  Orthodoxen  die  Mönche  von  Vaisäli,  indem  sie  sich
Salz  in  einem  Hörne  aufhoben.  Gegen  Buddhas  Vorschriften  war
ferner,  daß  sie  nicht  bloß  zur  Mittagszeit  aßen,  sondern  auch  am
Abend,  wenn  der  Schatten  schon  zwei  Finger  breit  war.  Bedenk-
            
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