Full text: Leben und Lehre des Buddha

50 IV. Buddhas Stellung zu Staat und Kirche. 
eine wähle sich bald dieses, bald jenes. Die Weisen aber bilden 
sich keine feste Ansicht, sie ziehen kein bestimmtes System vor, sie 
sagen nicht: „ich bin völlig klar;" nachdem sie den Knoten des 
Hängens (an der Welt) durchschnitten, verlangen sie nach nichts in 
der Welt mehr. Besonders interessant sind die Verse 835ff., die 
ein Gespräch Buddhas mit einem gewissen Mägandiya enthalten. 
Mägandiya bietet dem Buddha seine schöne Tochter an, die 
Buddha sehr unhöflich zurückweist. Er habe kein Verlangen nach 
Beischlaf bekommen, als er die drei Töchter des Mära gesehen 
habe, wie viel weniger bei diesem mit Urin und Kot angefüllten 
Wesen; nicht einmal mit dem Fuße wünsche er es zu berühren. 
Mägandiya fragt ihn darauf, zu welchem Systeme er sich bekenne. 
Buddha antwortet, zu keinem, da er sie alle als erbärmlich erkannt 
habe. Was er lehre, sei innerer Friede, der durch kein Philosophi 
sches System, keine Tradition, kein Wissen erworben werde. 
Die philosophische Begründung seiner Lehre war für Buddha 
nicht, wie für die anderen indischen Religionsstifter, die Haupt 
sache. Es kam ihm nicht daraus an, das, was er als richtig erkannt 
hatte, auch haarscharf logisch zu beweisen und in ein abgeschlossenes 
System zu bringen. Nicht die Form seines Denkens war ihm die 
Hauptsache, sondern der Inhalt. Mit Recht hat Walleser, der 
erste wissenschaftliche Bearbeiter der Philosophie des Buddhismus 
in ihrer geschichtlichen Entwicklung, bemerkt, „daß für Buddha die 
grundsätzliche Ablehnung aller metaphysischen Probleme geradezu 
charakteristisch sei, und daß im Buddhismus das Theoretische gegen 
das Praktische so sehr zurücktrete, daß eine absolute Indifferenz 
gegenüber allem Theoretischen die hervorstechendste Signatur des 
echten Buddhismus bilde." Walleser hebt ferner hervor, daß es 
Buddha auf Widersprüche theoretischer Art überhaupt nicht ankam, 
wenn nur der Hauptzweck erreicht wurde, sittlich einzuwirken und 
die Lebensführung günstig zu beeinflussen. Buddhas Lehre ist in 
erster Linie praktische Ethik, und er richtete sich bei seinem Vor 
trage ganz nach der Fassungskraft und dem Bildungsgrade der 
augenblicklichen Zuhörer. 
So wenig Gewicht wie auf die scharfe logische Begründung 
seiner Lehre legte Buddha auf den Glauben. Für die Brah 
manen waren die Richtschnur ihres Lebens die heiligen Schriften, 
die Veden. Buddha verwirft den Glauben daran. Einst kam zu 
ihm ein junger Brahmane, Käpaihika, aus dem Geschlechte des 
Lbaradväja, der, obwohl erst sechzehn Jahre alt und eben erst
	        
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