Die Wohnungsfrage.
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künftige Produktion gespart werden. Dies letztere geschieht
aber leider nur selten, denn die große schaffende Menge, —
zu der auch die Bauern und Handwerker zu rechnen sind —
bekommt ja nicht den vollen Ertrag der Arbeit. Es kann
nicht jedes Produkt einen Käufer finden, denn die Reichen,
welchen die Mittel, es zu kaufen, zugefallen sind, können
beim besten Willen nicht alles verzehren. Sie sind daher
gezwungen, ihr Geld sonstwie unterzubringen, um ihren
Reichtum auf die bekannte Weise zu mehren. Die schaffenden
Klassen — Arbeiter, Bauern, Handwerker und ein nicht
unbeträchtlicher Teil kleiner Unternehmer — möchten gern
kaufen, wessen sie so sehr bedürften: Wohnung, Kleidung,
Nahrung. Aber sie haben die Mittel zum Tausche in Ge
stalt von Pacht, Zins und Unternehmerprofit abgeben
müssen. So haben wir einen Zustand, der uns allen als
ein höchst betrübender bekannt, und der fälschlich mit dem
Namen „Überproduktion“ bezeichnet worden ist. Denn in
Wahrheit muß er „Unterkonsumtion“ heißen, da er allein
aus der Unfähigkeit der geistigen und körperlichen Arbeiter
entsteht, die vorhandenen Vorräte zu verzehren. Sie mußten
ihre Ansprüche an die Produkte infolge der wirtschaft
lichen und rechtlichen Entwicklung den Mächtigen abtreten.
Es erfolgte ein Einschränkung der Gütererzeugung so lange,
bis die gehäuften Vorräte entweder gekauft oder verdorben
sind, wozu, wie uns die Tatsachen gelehrt haben, ungefähr
13 Jahre nötig sind. In allen Berufen sinken die Löhne
infolge der Verminderung der Arbeitsgelegenheit; die Lebens
haltung, besonders der Lohnarbeiter, verschlechtert sich.
Jedermann schränkt sich ein, und nicht zuletzt in seinen
Wohnungsverhältnissen: Arbeiter, welche drei Stuben hatten,
nehmen zwei, ja ärmere gehen auf eine zurück; Beamte,
Gelehrte, Kaufleute, Handwerker richten sich, zumal bei
teuren Lebensmittelpreisen, auf wenige Räume ein. Lang
sam tritt auch ein Krach in der Bauspekulation ein, herbei-