Geschlechtskrankheiten.
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Hunger gegen Geld hingeben, aber die größere ist282%a,
Auch bei ersteren ist es bei der starken Fluktuation dieser
Klasse selten. daß der augenblickliche Wohnort mit dem Ort
der letzten Erwerbstätigkeit zusammenfällt, so daß der Fest-
stellung der Ursachen zur Prostituierung auch technische Hin-
dernisse erwachsen 283,
6. Geschlechtskrankheiten.
Zunächst, grundsätzlich: Es ist klar, daß die Zahl der vene-
rischen Krankheitsfälle nicht ein Merkzeichen der in einem
Volke vorhandenen Sittlichkeit zu sein vermag. Sie vermöchte
das (immer im angegebenen Sinne) nur unter der doppelten
Voraussetzung, daß jeder außereheliche Geschlechtsakt mit der
Ansteckung durch eine venerische Krankheit sozusagen bestraft
würde, andererseits letztere im ehelichen Leben aber nicht vor-
käme, was bekanntlich leider unrichtig ist. Geschlechtskrank-
heiten sind höchstens durch mangelnde Hygiene verschuldet, in
übrigen aber einfach Unglücksfälle, unglückliche Zufälle.
Geschlechtskranke Soldaten als „Schweine“ zu behandeln, wie
das in manchen Militärlazaretten geschieht, oder gar im Kriege
als Pflichtvergessene und schlechte Patrioten zu bestrafen, wie
das in manchen Heeren im Weltkriege, wie bei den Engländern,
Sitte war 2%, ist einfach eine Unlogik. Es ist unsinnig zu sagen:
Du darfst dich nicht venerisch anstecken! Das wäre Erhebung
des Zufalls zur Strafwürdigkeit 285
2822 Vgl. S. 136 unseres Buches.
288 Marie Baum, Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und
Handel der Stadt Karlsruhe. Karlsruhe 1906, Braun, S. 209.
284 E. T. Burke, Veneral Diseases in War, in Quarterly Review, Nr. 463,
New York 1920, S. 311.
%85 In der seriösen, von William J.. Robinson herausgegebenen Zeit-
schrift The Medical Critic and Guide (New York 1921, vol. XXIV, Nr. 4,
p- 122) finden wir eine vom New York Medical Journal vom 8. x. 1921
übernommene Stelle: „During the latter part of the war veneral disease
had to be classißed as a self inflicted wound. Diseased women were known