Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

72  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.

mehr  in  gleichem  Maße  wie  früher  allein  oder  in  Genossenschaft  sich  eine  Stellung
in  fremden  Ländern  zu  erkämpfen;  derartiges  nahm  ihm,  wenigstens  teilweise,  die
Staatsgewalt  ab.  Selbst  die  Warenlagerung  und  das  Vorrätehalten  ging  teilweise
auf  besondere  Geschäfte  und  Organisationen,  wie  die  öffentlichen  Lagerhäuser,  über;
das  Spekulieren,  das  Ein-  und  Verkaufen  auf  der  Börse,  durch  den  reisenden  Kommis,
durch  Korrespondenz  trat  in  den  Vordergrund  der  großen,  das  Ladengeschäft  in  den
Vordergrund  der  kleinen  Geschäfte.
Aber  weder  damit,  noch  mit  der  Scheidung  der  Handels-  von  den  Verkehrsgeschäften ­
  und  -organen,  noch  mit  der  Ausbildung  der  besonderen  Kredithändler,  der
Banken  ist  die  neuere  Arbeitsteilung  im  Handel  und  Verkehr  erschöpft,  die  Stellung
des  neueren  Händlertums  charakterisiert.  Man  wird  sagen  können,  vom  15.  und  16.
Jahrhundert  bis  zur  Gegenwart  habe  der  Handelsstand  erst  seine  selbständige  höhere
Ausbildung  und  Teilung  erreicht,  sei  er  erst  der  Beherrscher  und  Organisator  der
Volkswirtschaft  geworden.  Erst  von  da  an  hat  die  Güterzirkulation,  der  Absatz,  die
interlokale  und  internationale  Teilung  der  Arbeit  so  zugenommen,  daß  sie  überall
des  Handels  und  seiner  Teilorgane  bedurfte.  Erst  jetzt  entstand  in  großem  Umfang
und  auch  im  mittleren  und  nördlichen  Europa  für  einzelne  Handwerkswaren  ein
Absatz  in  die  Ferne  durch  den  Kaufmann;  der  Handel  schuf  die  Hausindustrie,  wie
er  später  hauptsächlich  die  Großunternehmung  ins  Leben  rief.  Die  großen  Messen
gehören  der  Zeit  von  1500—1800,  die  größeren  Börsen  der  von  1800—1900  an.
Beide  sind  Ergebnisse  des  Handels.  Die  ganze  privatwirtschaftliche,  spekulative  Seite
der  heutigen  Volkswirtschaft  hing  1500—1900  am  Handel,  lag  in  den  Händen  der
Kaufleute,  war  von  der  arbeitsteiligen  Handels-  und  Verkehrsorganisation  mehr  und
mehr  abhängig,  welche  sich  immer  einflußreicher,  komplizierter  gestaltet  hat;  sie  beherrscht ­
  Industrie  und  Landwirtschaft,  den  großen  Teil  der  wirtschaftlichen  Produktion
und  die  Verteilungsgeschäfte,  welche  die  Güter  den  einzelnen  zuführen,  bis  in  die
neuere  Heit.
Allerdings  zeigen  die  Handels-,  Versicherungs-,  Verkehrs-  und  Beherbergungsgewerbe ­
  in  unserer  heutigen  Berufs-  und  Gewerbestatistik  entfernt  nicht  die  Spezialisierung ­
  wie  die  Industrie.  Aber  in  der  deutschen  Zählung  von  1882  sind  doch  für
den  Handel  mit  Tieren  32,  mit  landwirtschaftlichen  Produkten  121,  mit  Brennmaterialien ­
  33,  mit  Metallen  51,  mit  Kolonial-,  Eß-  und  Trinkwaren  121,  mit  Schnittwaren ­
  126,  mit  Kurz-  und  Galanteriewaren  51  Spezialitäten  von  Geschäften  verzeichnet.*) ­
  Die  Anpassung  der  Verkaufsgeschäfte  an  die  Bedürfnisse  der  verschiedenen
Klassen  und  Orte  hat  Magazine  und  Läden  jeder  Art,  von  den  kleinsten  bis  zu  den
Riesenbazaren  geschaffen.  Die  verschiedensten  Formen  des  Verkaufs  stehen  nebeneinander: ­
  Hausierbetrieb,  Wochen-,  Jahrmarkts-,  Markthallenverkauf,  Auktionsgeschäfte, ­
  Wander-  und  stehende  städtische  Verkaufslager.  Die  Linien  zwischen  Produktion ­
  und  Konsumtion  werden  durch  Makler,  Agenten,  Kommissionäre,  Großund
  Kleinhändler  aller  Art  verlängert.  Und  so  sehr  an  vielen  Stellen  die  Zunahme
und  Verbesserung  der  Verkehrsmittel  früher  notwendige  Mittelglieder  des  Handels
ausmerzt,  da  und  dort  entstehen  wieder  neue.  Und  jedenfalls  ist  die  Macht  und  der
Einfluß  des  Händlertums  immer  noch  eher  im  Wachsen,  so  verschiedenartig  Stellung
und  Einfluß  der  Elemente  sind.
Die  kleinen  Ladenhalter,  Höker,  Hausierer,  das  Personal  der  Markthelfer,
Packer,  Träger,  Dienstmänner,  das  subalterne  Personal  aller  Verkehrsanstalten  steht

*)  Die  Berufs-  und  Belriebszählung  vom  12.  Juni  1907  führt  48  Arten  des  Warenhandels ­
  mit  1184  verschiedenen  Zweigen  auf.  Gewerbeliste  in  systematischer  und  alphabetischer ­
  Ordnung.  Herausgegeben  vom  Kaiserlichen  Statistischen  Amte.  Berlin,  Puttkammer
&  Mühlbrecht,  1909.  S.  40—46.  —  G.  M.
            
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