Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Die  Phönizier.

75

^  nur  Venedig,  hinsichtlich  der  Völkertypen  und  des  Geschäftslebens  Konstantipel,
  Alexandria  und  Kalkutta  zusammengenommen  die  Grundlinien  liefern  könnten,
x  In  seiner  Blütezeit  soll  Tyrus  700  000  Einwohner  gehabt  haben.  Nördlich
^  ö on  lag  das  kaum  minder  bedeutende  Sidon,  das  mit  Tyrus  in  der  Führerschaft
E^tteiferte,  und  um  diese  beiden  Doppelsterne  ordneten  sich  die  anderen  Städte  des
^wen,  aber  wunderbaren  Landes,  das  von  seinem  schmalen  Küstenstrich  aus  eine
von  Arbeit  und  Produktion  bewegte.  Denn  fast  im  ganzen  Umfange  der  alten
^  dlt  beschäftigten  die  phönizischen  Reeder,  Kaufherren  und  Grohkapitalisten  nah
VW?"  fern,  in  Handel,  Bergbau,  Landwirtschaft  und  Industrie  vielleicht  mehr  Millionen
Äschen,  als  ihr  Land  selbst  Hunderttausende  zählte,
sw.  Phönizien  war  gleichsam  nur  die  Krone  eines  Baumes,  dessen  Zweige  und
®  Ur 3eln  sich  über  die  alte  Welt  hinzogen.  Den  Stamm  dieses  Geflechtes  bideten  die
'  Nonien:  „Die  Niederlassungen  der  Phönizier,"  sagt  Curtius,  „sind  fast  über  den
^Zen  Erdkreis  ergossen."
c  Das  einfachste  Band  zwischen  dem  Mutterlande  und  seinen  Kolonien  bildeten
^Nndel  und  Verkehr.  Nach  dem  Propheten  Ionas  gingen  täglich  von  Tyrus  Schiffe
^  •  Die  Kriegs-  und  Handelsflotte  war  größer  als  jemals  die  venetianische  und  nur
modernen  englischen  vergleichbar.  Einer  Kriegsflotte  von  300  Dreiruderern
^gten  3000  Lastschiffe  mit  Proviant  und  Beiwerk,  und  die  Erhaltung  der  60  000
^uderknechte  und  Matrosen  auf  jenen  Dreiruderern  kostete  jährlich  gegen  200
Mionen  Jl.  Die  Phönizier  waren  übrigens  keine  zu  Schiff  gestiegenen  Landratten
>e  die  Römer  und  keine  bloßen  Küstenfahrer  wie  die  Griechen,  sondern  sie  wagten  sich
die  hohe  See;  das  gefährliche  Rote  Meer  und  besonders  die  Atlantis  waren
dre  Schule.  Ob  sie  nicht  schon  nach  entfernten  ostasiatischen  Inseln,  vielleicht  sogar
Mch  Amerika  gelangten,  mag  hier  ununtersucht  bleiben.  Bemerkenswert  bleibt
Mnerhin  im  Zusammenhalte  mit  anderen  Nachrichten  die  Meldung  Diodors:  „die
Phönizier  hätten  sich  in  den  Ozean  hinausgewagt  und  seien  durch  heftige  Stürme
eine  Insel,  reich  an  Wasser  und  allen  Früchten,  verschlagen  worden."  Ohne
Zweifel  besaßen  sie  jene  scharfgebauten  Kielschiffe,  welche  später  im  Mittelmeere  Verben ­
  gingen  und  erst  mit  den  kühnen  Germanen  wieder  erschienen.  Sie  verstanden
Q s  Segeln  gegen  den  Wind  und  richteten  sich  bei  Nacht  nach  dem  Polarsterne,
Während  die  Griechen  nach  dem  unsicheren  Großen  Bären  hielten.  Hatten  sie  die
Orientierung  dennoch  verloren,  so  ließen  sie  Tauben  fliegen  und  schlossen  danach  auf
^  einzuschlagende  Richtung:  Tauben  waren  deshalb  heilige  Vögel  und  wurden,  wie
^rute  noch  in  Venedig,  auf  den  Plätzen  der  phönizischen  Städte,  frei  umherschwär-Nend,
  ernährt.  Durch  all  diese  Hilfsmittel  erreichten  die  Schiffe  der  Phönizier  eine
bewundernswerte  Schnelligkeit.  Diese  Durchschnittsschnelle  soll  25  Meilen  in  24
stunden  Tag  und  Nacht  gewesen  sein.  Ein  Dampfer  fährt  heute  von  Tunis  nach
Mdiz  in  4%—5  Tagen.  Skylax  rechnet  von  Karthago  bis  zu  den  Säulen  des  Herkules
Munis  bis  Cadiz)  7  Tag-  und  Nachtfahrten,  macht  also  bei  einer  Entfernung  von
240  geographischen  Meilen  für  einen  Tag  3iy 2  Meilen.  Gutgebaute  Dreiruderer
düngen  aber  noch  viel  schneller,  und  es  wird  uns  berichtet:  eine  solche  Kriegsjacht
^it  dem  Pferdekopfe  als  Sinnbild  am  Sterne  habe  an  einem  Sommertage  (ohne
Nachtfahrt)  über  30  Meilen  zurückgelegt.
Neben  diesen  Schnellfahrern  spielte  auch  das  breitbäuchige  Lastschiff,  das
an  den  Küsten  herschlich,  seine  große  Rolle.  Zahlreich  waren  die  Kaufleute,  die,  mit
solchen  Schiffen  von  Hafen  zu  Hafen  und  von  Volk  zu  Volk  fahrend,  eine  Art
Hausierhandel  trieben.  Ein  Trompetengeschmetter  lud  die  biederen  Landbewohner
Zur  Besichtigung  der  mitgebrachten  Herrlichkeiten  ein,  die  entweder  auf  dem  Schiffe
oder  auf  der  Küste  unter  Zelten  aufgestellt  wurden.  Die  Ladung  bestand  meist  aus
Waffen,  Hacken,  Schaufeln,  Heugabeln,  Messern,  Riemen,  Röhren,  Leuchtern,  Wagen,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.