Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

80 Zweiter Teii. Handel. HI. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
die Auffindung des Seeweges um Afrika nach Indien. Zwar unternahm Venedig 
alle Anstrengungen, um durch günstige Verträge und besondere Maßnahmen die 
alten Verbindungen aufrecht zu erhalten, aber vergeblich, weil sich der Handel im 
Mittelmeere bald auf die Küstenländer einschränken mußte. 
4. Der deutsche Kaufmann im Ausgange des Mittelalters. 
Von Georg Steinhaufen. 
Steinhaufen,Der Kaufmann in der deutschen Vergangenheit. Leipzig, Eugen Diederichs, 
1899. S. 30—37. 
Wir können bereits im 12. und 13. Jahrhundert von einer Handelsaristokratie 
in Deutschland reden. Wenn der gewöhnliche Kaufmann einfache Wollenstoffe trug 
und sein Haupt mit einfacher Kappe deckte, so zeigte der große Handelsherr auch in 
feinem Äußeren stolze Pracht, wenigstens daheim. Mit kostbarem Pelzwerk waren 
Rock und Mantel gebrämt, und mannigfaltige Farben zeigten die feinen Kleidungs 
stücke, reich verziert war der Gürtel, und an der Hand glänzten die Ringe. Dem 
entsprach Wohnung und Lebensweise. Der reiche Haushalt des Kaufmanns WimLr 
zu Munlöün (Laon) ist aus Wolfram von Eschenbachs Wilhelm von Orange bekannt: 
er mag auch für diejenigen deutscher Großkaufleute bezeichnend sein. Reich ist die 
Ruhestätte, die WimLr dem Markgrafen anbietet: „Polster und Plumeau mit Pracht 
hieß auf den Teppich nun der Wirt hinlegen." Üppig ist die Tafel, die er herrichten 
läßt, allerdings, wird hinzugefügt, lebte er für sich bescheidener. Dem Markgrafen 
aber läßt er auftragen 
„Nach Kaufmanns Ehrenweise 
Gar mannigfalt'ge Speise 
Gesottnes sowie Braten . . . 
Und das Getränk wär' einzuschenken 
Sogar dem Kaiser ohne Scheu." 
Gebratener Pfau in feinster Sauce, „Kapaun, Fasan, Rebhuhn, in Gallert die 
Lamprete" werden als Gerichte aufgezählt. Schließlich bietet ihm der Kaufmann auch 
noch Gewand an, „daß der Franzosen ganzes Land nicht befsre Kleidung kann 
erzeugen." 
Der Typus eines solchen mittelalterlichen Großkaufmanns in Deutschland ist 
aber der gute Gerhard von Köln, der Held des gleichnamigen Epos von Rudolf 
von Ems. So wird uns die Vermählung seines Sohnes in einer Weise geschildert, 
daß wir an einem glanzvollen Edelsitz uns zu befinden glauben. In dem großen 
Hofe werden die Ritterspiele abgehalten, — kurz, das Ganze hat einen durchaus 
höfischen Anstrich. Man darf das nicht der Willkür des Dichters beimessen, etwa 
weil zu jener Vermählung zahlreiche Ritter geladen waren. Die reichen Kaufleute 
lebten vielmehr in der Tat in glanzvoll höfischer Weise, und das Abhalten von 
Turnieren war auch ihnen ein gewöhnliches Ereignis. Die Magdeburger Schöppen 
chronik erzählt uns z. B. von dem Ritterspiel der Kaufleute im Jahre 1226: Da war 
ein gelehrter Mann, Brun von Schönebeck, der sollte das Spiel dichten und inszenieren, 
„des makede he eynen Gral und dichte hovesche breve, de sande he to Gosler, 
to Hildensheym und to Brunswygk, Quedelingeborch, Halberstad und to anderen 
Steden. Und ladeden to sik alle koplude, de dar ridderschop wolden oven, dat 
se to en quemen to Magdeborch.“ Die jeunesse doree aus den Städten langte 
denn auch in bunter Rittertracht an, der Sieger war „eyn olt kopman von Goslere“.
	        
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