4. Der deutsche Kaufmann im Ausgange des Mittelalters. 83
t Das eine Gebiet dieser Umwälzung und Arbeit lag im Nordosten. Die Ger-
^anisation des Ostens führte zur Hansa, die den Nord- und Ostseehandel zusammen
fand. Die Folgen der Zurückdrängung der Slaven werden jetzt immer gewaltiger.
^ lg. Jahrhundert hatten noch die rheinischen, vor allem die Kölner Kaufleute und
ester die aus den niedersächsischen Binnenstädten, wie Soest oder Münster, den öft
ren Handel betrieben: jetzt trat der Kaufmann aus den Seehandelsstädten, insbeson
dre den östlichen unter Leitung Lübecks, als der Führer der Entwickelung auf und
pachte sie in stetiger Arbeit und unter Ausschluß aller Nichthansen auf ihren Höhe-
bykt. über England, über Skandinavien und Westrußland herrschte der hansische Kauf-
S|. Q nn. Den Nordmännern war in ihrem eigenen Lande, wo Wisby mächtig als
deutscher Kaufleute emporblühte und das Kontor in Bergen bestand, kaum noch
Qs Maklergeschäft geblieben; ihr östlicher Handel gehörte den Hansen. Nowgorod
schon im 13. Jahrhundert Stapelplatz der Deutschen. In Polen bildeten die
Zutschen seit dem 14. Jahrhundert fast ausschließlich den Handelsstand. In England,
J*' 0 sie ihren Hauptsitz im Londoner Stahlhof hatten, beherrschten sie den Handel,
bd lange war das Ringen der aufstrebenden Engländer gegen sie vergeblich.
- Die Blüte der Hansa, die etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts am höchsten
'mnd, war ein Ergebnis langer Arbeit. Das Vorwärtsdrängen des deutschen Kauf
manns in den slavischen Ländern war aber zugleich Arbeit im Dienste deutscher
Kultur. Die Begründung einer eigenartigen bürgerlichen Kultur in den neudeutschen
Städten des Ostens ist eines der nationalen Hauptverdienste des deutschen Kauf
manns.
Es war ein großer Handelskreis, der sich so im Norden Deutschlands in ge
istern Sinne für sich gebildet hatte, aber er blieb doch mit dem Süden, so miß-
^auisch er gegen ihn war, in notwendiger Verbindung. Das eigentliche Austaufch-
6ebiet war freilich Flandern, bis wohin der südeuropäische Handel seine Arme streckte,
fstd das als Mittelland nun eine große Bedeutung gewann. Die Straßen und
Städte des inneren Deutschlands aber vermittelten ebenso mit dem süddeutschen
Wandels kreise, der seinerseits wieder eine gewaltige Handelsherrschaft sich erobert hatte.
Den süddeutschen Kaufmann hatte seine Verbindung mit Italien emporgebracht.
Folien war durch mannigfache Momente zu außerordentlicher Handelsblüte gelangt.
alte Handelsstraße von Byzanz nach dem Norden war durch Unruhen in den
slavischen Reichen verschüttet: der Italiener hatte den morgenländischen Handel als
bald völlig an sich gezogen, denn die Seeverbindung hatte ihm ja immer offen
öestanden. Der große levantinische Handel, der durch die Kreuzzüge gerade einen
besonderen Aufschwung genommen hatte, ging jetzt von Byzanz auf die italieirischen
Seestädte über. Der Italiener war an Geschäftskunde, wie schon Jakob von Vitry
bemerkte, dem Deutschen und Franzosen überlegen, und er hatte seit Beginn der
Kreuzzüge die Lage seines Landes und die Gunst der Umstände weidlich benutzt. Er
hatte auch, namentlich der Venetianer, mit den Orientalen alsbald direkte Handels
beziehungen angeknüpft, und zahlreiche Kaufleute setzten sich in Byzanz selbst, aber
auch am Schwarzen Meer, in Kleinasien und so weiter fest. Für den deutschen
Kaufmann hatte die Verschüttung der Handelsbeziehungen mit Byzanz zunächst Nach
teile gehabt; Regensburg ging zurück, mit ihm der deutsche Donauhandel. Aber
mit dem 14. Jahrhundert hob sich dafür die alte direkte Verbindung mit Italien,
das einen Abfluß brauchte, außerordentlich, für den oberdeutschen Kaufmann, ins
besondere den Nürnberger und Regensburger, ein unendlicher Gewinn. Dabei wurde
Italien jetzt selbst der Sitz einer starken Industrie, und seine Erzeugnisse waren
stark begehrt. Der wichtigste Platz war Venedig. Über den früheren Verkehr der
Deutschen mit dieser Stadt sind mancherlei Nachrichten, freilich nicht immer sicherer
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