Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

84 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
Art, erhalten. Das Kaufhaus der Deutschen, der Fondaco dei Tedeschi, wir^ 
aber bereits 1228 erwähnt. Aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts wird uns auch 
schon von jungen deutschen Kaufleuten erzählt, die in Venedig ihre Ausbildung er, 
hielten. Immer enger und lebhafter wurde dieser Verkehr. Im 15. Jahrhundert 
waren dort gleichzeitig meist 100 deutsche Kaufleute anwesend, nicht nur aus Süd, 
deutschland, auch aus Köln oder Lübeck. Aus der Lagunenstadt holten die Deutsche^ 
die begehrten Waren der Levante wie auch die Erzeugnisse des venetianischen Ge, 
werbfleißes selbst, Glas und feine Seidenzeuge, und brachten dafür die Ausbeute der 
Bergwerke, Pelze, Tuch, Leder, Holz und Getreide. Am meisten brachten ihnen aber 
die von dort geholten Waren Gewinn. Die Nürnberger kamen, wie die venetianischy 
Regierung, der übrigens der Fondaco täglich durch die Abgaben von den Ware,-, 
ungefähr 100 Dukaten einbrachte, urteilte, durch diesen Verkehr gleichsam „von nichts 
zu den größten Reichtümern". 
So blühte und gedieh im 15. Jahrhundert der deutsche Handel im Norden wie 
im Süden. Wohl unterschieden sich diese beiden scharf gesonderten Hauptkreise deg 
Handels voneinander. Der oberdeutsche Kaufmann ist durch die Verbindung mit der, 
alten Kulturländern in den Besitz einer feineren Kultur gelangt; sein materieller 
Wohlstand bewirkt wie in Italien bald eine höhere Pflege von Kunst und Wissen 
schaft. Ästhetisch wie geistig nimmt das Leben mit dem immer größeren Reichtun, 
einen höheren Schwung. Der niederdeutsche Kaufmann, dessen Element die Se« 
bleibt, steht dem gegenüber zurück. Sein Gewinn erfordert härtere Arbeit uuh 
größeres Risiko, er steht auf neuem Kulturboden, und von Norden und Oster, 
strömt ihm Rauhes und Heidnisches zu. Die Rohprodukte und Lebensmittel sinh 
ihm im Handel wichtiger als feine Luxuswaren. Sein Leben hat einen frischen, 
urwüchsigen Zug. Aber ein Herrscher war der deutsche Kaufmann im Süden wie 
im Norden. Die Verbindung beider Kreise machte Deutschland zum Brennpunkt des 
Welthandels; zu einem Zentralplatz internationaler Beziehungen entwickelte sich gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts bereits die Frankfurter Messe. Es mag fein, daß die 
Blüte bereits die Keime der Verfalls in sich trug, daß die Entwickelung zur Über 
reife führte. Dafür war in jener Zeit aber noch kein Gefühl vorhanden; es ist eine 
Periode, die eine Buntheit und Fülle des Lebens, dabei eine Freude am Lebens 
genuß zeigt, wie keine zuvor. Dieses Leben konzentrierte sich aber in den Städten. 
Begeistert beschreibt Wimpheling den Glanz der rheinischen und der süddeutschen 
Städte. Und ein Franzose, Pierre de Froissard, schrieb 1497: „Es ist wahrhaft zum 
Verwundern, wie kühn und unternehmend die deutschen Kaufleute sind, und wie 
sie ihre Reichtümer zu vermehren wissen. Die Blüte der Städte, die Pracht der 
öffentlichen Gebäude und der Privathäuser und die kostbaren Schätze im Innern 
der Wohnungen legen von diesem Reichtums sprechende Zeugnisse ab. Es ist eine 
Lust, in den Städten zu verkehren und an den öffentlichen Vergnügungen der Bürger 
teilzunehmen." Es ist der Höhepunkt der städtischen Kultur. Ihr Träger ist aber 
der Kaufmann. 
Er hat die Stadt hochgebracht: freilich steht sie dafür völlig in seinen Diensten. 
Jede Stadt sucht in erster Linie den Handel zu begünstigen, nicht allerdings den 
Handel überhaupt, sondern nur ihren innerstädtischen Handel. Zugunsten des ein 
heimischen Kaufmanns werden die fremden beschränkt. Nur das örtliche Interesse 
herrscht, kein gemeinsames, kein nationales. Daß die durch die Besteuerung der 
Fremden gewonnenen Zölle und Abgaben eine schöne Einnahmequelle bildeten, war 
neben jenem Hauptmotiv gewiß auch nicht zu unterschätzen. Mit allen Mitteln wird 
diese egoistische Politik systematisch durchgeführt, um so planvoller, als die Groß 
kaufleute in der Regel eben selbst das Stadtregiment führten. In Augsburg ge 
hörten z. B. in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts fast in jedem Jahr ein Bürger-
	        
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