Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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8.  Frankfurt  a.  M.  als  Handelsplatz  einst  und  jetzt.
menden,  und  4  reformierten,  den  Nachkommen  eben  jener  eingewanderten  Niederländer ­
  und  Franzosen.  Das  Jahr  1707  also  ist  das  Geburtsjahr  der  Frankfurter
Handelsvertretung.
Die  Tätigkeit  der  Deputierten,  die  nach  wie  vor  als  Börsenvorsteher  die  Börsenverwaltung ­
  führten,  bestand  zunächst  in  der  Abgabe  von  Gutachten  über  Handelsgebräuche, ­
  Parere  genannt.  Die  Parere  erfreuten  sich  hohen  Ansehens;  sogar  der
Kaiser  Karl  VI.  wandte  sich  1710  wegen  Erstattung  eines  solchen  Pareres  an  den
hiesigen  Rat.  Aber  weit  darüber  hinaus  erstreckte  sich  ihr  Wirken:  Auf  dem  Gebiet
der  Rechtspflege  veranlaßten  sie  den  Erlaß  einer  Wechselordnung,  sie  erstrebten
die  Schaffung  eines  Handelsgesetzbuches  und  die  Einrichtung  eines  Handelsgerichts;
auf  dem  Gebiet  der  Schiffahrt  sehen  wir  sie  im  Kampf  mit  den  Stapelrechten
der  Städte  Mainz  und  Köln,  um  die  freie  Schiffahrt  nach  den  Niederlanden,  dem
Oberrhein  und  Neckar.  Sie  richteten,  wie  später  auch  die  Handelskammer,  regelmäßige ­
  Fahrten  nach  den  Haupthandelsplätzen  ein,  subventionierten  die  Schiffer  und
hielten  wie  in  Köln  zeitweilig  einen  besonders  angestellten  Agenten.  Wichtiger  noch
war  für  Frankfurt  der  Landverkehr.  Die  alten  Handelsstraßen  aus  allen  Teilen
Deutschlands  trafen  hier  strahlenförmig  zusammen.  Frankfurt  war  der  wichtigste
Niederlage-  und  Durchgangsplatz  für  den  deutschen  Handel  und  den  Zwischenhandel
zwischen  England,  Holland,  Frankreich,  der  Schweiz,  Italien,  Norddeutschland  und
dem  östlichen  Europa.  Diesen  ganzen  Verkehr,  der  allein  durch  Frankfurter  Spediteure ­
  besorgt  wurde,  zu  organisieren,  ihn  vor  Zöllen  und  Abgaben  und  allerhand
Schikanen  kleiner  und  großer  Potentaten  zu  bewahren,  waren  die  Börsenvorsteher
eifrig  und  mit  Erfolg  bestrebt.  Die  gewaltigste  Arbeit  aber  haben  sie  auf  dem
Gebiete  des  Münzwesens  geleistet.  Damals  war  in  den  deutschen  Ländern
infolge  Ausprägung  minderwertiger  Scheidemünzen  durch  die  Territoriacherren  eine
trostlose  Münzverschlechterung  und  Münzverwirrung  eingerissen.  Die  Börsenvorsteher
  erstrebten  die  Herstellung  eines  einheitlichen  Münzfußes  für  ganz  Deutschland,
ein  Wunsch,  der  bei  der  Schwäche  der  Reichsgewalt  damals  unerfüllt  geblieben  ist.
Um  aber  wenigstens  den  Frankfurter  Platz  von  der  Verwirrung  freizuhalten,  hatten
die  Kaufleute  schon  frühzeitig  im  Wege  der  Vereinbarung  untereinander  diejenigen
Münzsorten  und  ihren  Kurs  festgestellt,  die  im  Wechselverkehr  Zahlungskraft  besitzen ­
  sollten.  In  der  Aufrechterhaltung  dieser  Frankfurter  Währung  sahen  die
Börsenvorsteher  ihre  hauptsächlichste  Aufgabe.  Mit  peinlichster  Sorge  und  zäher
Energie,  aber  auch  mit  berechtigtem  Stolz  wachten  sie  darüber,  daß  das  große  Ansehen ­
  des  Frankfurter  Handelsstandes  und  der  Frankfurter  Börse  hochgehalten  und
unangetastet  bewahrt  wurde.  Von  staatlichen  Einmischungen  hielten  sie,  im  Vertrauen ­
  auf  die  eigene  Kraft,  nicht  viel.  Schon  1685  hatten  Frankfurter  Kaufleute
dem  hiesigen  Rat  gesagt:  „Freiheit  ist  die  Seele  der  Handlung,  und  müssen  da  alle
politischen  und  sonst  Staatsmaximen  weichen,  denn  wo  man  suchet  der  Handlung
solche  Termine)«  zu  setzen,  da  ist  es  gar  bald  um  sie  getan."
In  die  Stürme  der  Napoleonischen  Kriegszeit  führt  uns  die  Gründung  der
Handelskammer.  Karl  Maria  von  Dalberg,  Fürstprimas  des  Rheinbundes, ­
  war  Herr  von  Frankfurt  geworden.  Es  ist  eine  Pflicht  der  Dankbarkeit,  heute
des  Gründers  der  Handelskammer  zu  gedenken,  dem  die  nationale  Geschichtsschreibung ­
  vielleicht  nicht  volle  Gerechtigkeit  hat  widerfahren  lassen.  Einsichtig,  vorurteilsfrei, ­
  in  alle  Details  des  Regierungsapparates  eindringend,  ein  „liebreicher  Menschenfreund", ­
  wie  Goethes  Mutter  ihn  nannte,  hat  er  in  der  kurzen  Zeit  seines  Herrscherdaseins ­
  viel  Gutes  zu  wirken  verstanden.  Er  war  es,  der  vor  100  Jahren  die  Börsenvorsteher ­
  in  die  „Fürstlich  Primatische  Handelskammer"  umwandelte,  ihnen  das
Ansehen  und  den  Glanz  einer  staatlichen  Behörde  gab  und  seinen  ersten  Minister,  den
Grafen  Beust,  an  ihre  Spitze  stellte.  Vor  den  Gewaltmaßregeln  Napoleons  ver-
            
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