Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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10. Industrie und Handel in Deutschland vor siebzig Jahren. 
^dch, und sie wird in späteren Berichten oft als die erfolgreichste 
^schichte erwähnt. 
unserer Handels- 
*0. Industrie und Handel in Deutschland vor siebzig Jahren. 
Von Otto Bähr. 
Bahr, Eine deutsche Stadt (Kassels vor 60 Jahren. 2. Ausl. Leipzig, F. W. Grunow, 
ö8 6. S. 91—98. 
Industrie und Handel bewegten sich vor zwei Menschenaltern noch in den 
^ .gsten Grenzen. Für große Unternehmungen fehlte es den einzelnen an zu- 
dtchendem Kapital. Aktiengesellschaften waren nur wenig in Übung. Demgemäß 
Uten manche Gewerbszweige, welche nur im Wege der Kapitalassoziation betrieben 
^den können, z. B. das Versicherungswesen, noch in der Kindheit. 
^ Der Großindustrie fehlte das belebende Element der Neuzeit, die Dampf- 
|/.?f(tyine. Nirgends sah man die hohen Schornsteine, welche jetzt unsre Jndustrie- 
r^tten bezeichnen. Die Arbeit war fast ausschließlich Handarbeit. Die Fabrik unter 
zieh sich von dem Handwerk nur durch die größere Arbeitsteilung und die Leitung 
- ^ Fabrikherrn. Natürlich konnten solche Betriebe auch nur von geringem Umfange 
Als Beispiel kann die jetzt hochblühende Maschinenfabrik von „Henschel & Sohn" 
^ Kassel dienen, welche damals in dem alten, noch unter Leitung des Urgroßvaters 
jetzigen Inhabers stehenden (1836 abgebrannten) Gießhause betrieben wurde.*) 
fahrend die Fabrik jetzt mehr als 1000 Arbeiter beschäftigt**), waren damals nur 
^ige 30 Arbeiter in ihr tätig. Ständige Fabrikate waren nur Kirchenglocken und 
Feuerspritzen. Auch die hübsche Wetterfahne in Form eines Kleeblattes, welche bis 
kurzem die Spitze des Martinsturmes zierte, war im Jahre 1825 bei Henschel 
^lNacht. Zwar wurden mitunter auch größere Werke dort hergestellt, z. B. eine 
o^oße Maschine zur Wasserhebung für ein Harzbergwerk, Kanonen für die Militär- 
.^waltung usw. Das waren aber nur Ausnahmen. Wo für die Arbeit eine höhere 
^,9ft erforderlich war, wurde sie dadurch beschafft, daß ein oder zwei Pferde ein 
äpelwerk drehten. Das war der Fabrikbetrieb der damaligen Zeit. Natürlich gab 
e ® damals auch noch keine Arbeitseinstellungen. War ein Arbeiter mit seinem Lohne 
^'cht zufrieden, so kündigte er seinem Dienstherrn. Dieser aber fand ohne Schwierig 
keit Ersatz. 
Das Kleingewerbe trieb sein Geschäft in den Banden des Zunftzwanges. Da 
diese Verhältnisse noch bis in die neuere Zeit bestanden haben, so dürfen sie als noch 
iu aller Erinnerung lebend unterstellt werden. Einzelne geringe Gewerbe wurden 
iiuch innerhalb der Stadt noch im Umherziehen betrieben. Der Scherenschleifer 
etablierte sich mit seinem fahrbaren Karren bald an dieser, bald an jener Straßen 
ecke. Ein ständiges Getön auf den Straßen war auch die Pfeife des Lumpen 
sammlers (Hoselümpers), welcher, ein höchst eintöniges Stückchen blasend, einherzog 
und dadurch seine Anwesenheit meldete. Jetzt weiß man in Kassel nichts mehr von 
diesen fahrenden Leuten. 
*) Der jetzige Inhaber der Firma Henschel & Sohn ist der Urenkel ihres Begründers, 
des Kurhessischen Oberbergrates a. D. K. A. Henschel. — G. M. 
**) Die Firma Henschel & Sohn beschäftigt jetzt bei vollem Betriebe in Kassel 6200 
und auf der ihr gehörigen Henrichshütte bei Hattingen an der Ruhr 4000 Arbeiter. (Freund 
liche Mitteilung von Henschel & Sohn). — G. M. 
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