Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

102  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.

daß  man  allerorten,  Gott  weih  für  welche  Zwecke,  „mit  obrigkeitlicher  Erlaubnis"
eine  Lotterie  veranstalten  darf.
Es  fehlten  auch  um  jene  Zeit  die  jetzt  so  zahlreich  bestehenden  öffentlichen  Anstalten, ­
  bei  denen  man  mühelos  fein  Geld  verzinslich  anlegen  kann.  Öffentliche
Sparkassen  waren  erst  eben  im  Entstehen.  Wer  nicht  Staatspapiere  kaufen  wollte,
war  deshalb  genötigt,  fein  Geld  auf  privatem  Wege,  womöglich  gegen  Hypothek,
auszuleihen.  Dazu  boten  zahlreiche  Darlehnsmäkler,  welche  dem  Kapitalisten  die
Schwelle  abliefen,  hilfreiche  Hand.
Endlich  fehlten  auch  noch  gänzlich  die  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften,
welche  jetzt  für  die  verschiedensten  Zwecke  so  zahlreich  in  unseren  Städten  bestehen,
und  zu  deren  Schaffung  angeregt  zu  haben,  das  Verdienst  von  Schulze-Delitzsch  ist.
Welchen  mächtigen  Aufschwung  der  Verkehr  heute  im  Innern  unseres  Vaterlandes ­
  genommen  hat,  bedarf  keiner  Ausführung.  Aber  doch  wird  dieser  Aufschwung
noch  überholt  durch  die  Bedeutung,  die  der  deutsche  Handel  im  Auslande  gewonnen
hat.  Über  die  ganze  Erde  hat  derselbe  seine  Netze  gespannt.  Nach  allen  Weltteilen
sendet  die  deutsche  Industrie  ihre  Erzeugnisse  und  tritt  mit  den  besten  Kulturvölkern
in  oft  siegreichen  Wettbewerb.  Allerorten  trifft  man  deutsche  Kaufleute  in  eifrigem
und  rühmlichem  Geschäftsbetriebe.  Und  manches,  was  selbst  der  deutschen  Diplomatie
unzugänglich  ist,  erkundet  und  erreicht  heute  der  deutsche  Kaufmann  durch  seine  weithinreichenden ­
  Verbindungen.  Von  alledem  wußte  man  früher  nichts.

11.  Die  Entwicklung  von  Deutschlands  Industrie  1861—1911.
Von  Johannes  Kaempf.
Kaempf,  Festrede  über  die  Entwicklung  von  Deutschlands  Industrie  und  Handel
1861—1911.  In:  Feier  des  fünfzigjährigen  Bestehens  des  Deutschen  Handelstags.  Heidelberg ­
  13.  Mai  1911.  Berlin,  Liebheit  &  Thiefen,  1911.  S.  37—40  *).
Durch  die  große  wirtschaftliche  Gesetzgebung,  die  unter  begeisterter  Anteilnahme
der  ganzen  Nation  Ende  der  sechziger  und  Anfang  der  siebziger  Jahre  durchgeführt
oder  vorbereitet  worden  ist,  wurde  der  Rahmen  geschaffen,  innerhalb  dessen  Deutschland ­
  den  Bedürfnissen  seiner  Bevölkerung  gerecht  werden  konnte.
Diese  Bevölkerung  betrug  1861  36  Millionen  Menschen,  d.  i.  65  auf  den
Quadratkilometer,  1880  einschl.  Elsaß-Lothringens  45  Millionen  und  1910  beinahe
65  Millionen,  d.  i.  120  auf  den  Quadratkilometer.  Die  Bevölkerung  hat  sich  seit
1861  also  beinahe  verdoppelt.  Wenn  es  möglich  gewesen  ist,  diese  Bevölkerung  im
Jnlande  zu  erhalten,  so  haben  Handel,  Industrie  und  Schiffahrt  dazu  das  Mittel
geboten.  Im  Jahre  1861  wurden  schätzungsweise  35%  in  Handel  und  Gewerbe ­
  ernährt,  1882,  als  die  erste  deutsche  Berufszählung  stattfand,  waren  es
45 1 /a  %;  die  letzte  Berufszählung  von  1907  ergab  einen  Prozentsatz  von  56  %,  und
heute  werden  es  wahrscheinlich  nahe  an  60  %  der  gesamten  Bevölkerung  sein,  die  in
Handel,  Verkehr  und  Gewerbe  ihren  Unterhalt  finden.
Wie  aber  sollte  diese  Bevölkerung,  die  in  stets  wachsendem  Maße  dem  Handel
und  der  Industrie  zuströmte,  ihre  Vorbildung  für  ihre  Aufgabe  erhalten,  wie
sollte  die  Industrie,  nachdem  ihr  noch  im  Jahre  1876  durch  Reuleaux  das  Zeugnis
„billig  und  schlecht"  gegeben  war,  befähigt  werden,  auf  dem  Weltmärkte  mit  den
anderen  Nationen  zu  konkurrieren?

*)  Diese  Festrede  ist  wieder  abgedruckt  bei:  Kaempf,  Reden  und  Aufsätze.  Herausgegeben ­
  von  den  Ältesten  der  Kaufmannschaft  von  Berlin.  Berlin,  Georg  Reimer,  1912.
S.  32—48.  —  G.  M-
            
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