Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

116  Zweiter  Teil.  Handel.  IV.  Handelskrisen.

den  Tag  eröffnen  sollte.  Aus  Pest  wurde  telegraphisch  gemeldet,  daß  die  Franko-Ungarische
  Bank  eine  Einzahlung  auf  ihre  Aktien  ausschreiben  werde,  dieselbe  Franko-Ungarische
  Bank,  die  vor  kaum  14  Tagen  Generalversammlung  gehalten  und  die
Auszahlung  einer  12y 2  Aigen  Superdividende  für  den  1.  Juli  beschlossen  hatte!
Eingeweihte  hatten  zwar  schon  lange  diese  Bank  als  eine  halbbankerotte  erklärt,  ihre
Direktion  und  Verwaltung  als  die  schwindelhafteste  bezeichnet  unter  den  schwindelhaften, ­
  deren  sich  Transleithanien  in  hübscher  Zahl  zu  erfreuen  hatte,  aber  man
meinte,  daß  der  Kurs  der  Aktien  wenigstens  über  den  Couponverfall  werde  gehalten
werden  können,  und  so  stagnierte  er  auch  seit  vielen  Wochen.  Da  platzte  die  Seifenblase! ­
  —  Statt  einzukassieren,  sollte  man  zuzahlen.  Die  Aktien  fielen  in  wenigen
Minuten  von  98  auf  88.  Der  so  jähe  Abfall  eines  lange  ruhig  gehaltenen  Papiers
alarmierte  in  ungewohntem  Maße  und  machte  mit  dem  Gedanken  vertraut,  daß
die  Krise  unversehens  losbrechen  könne,  ja  schon  an  die  Pforten  des  Hauses  poche.
Und  so  war  es!  „Der  Ungarischen  Frankobank  bleibt  der  Ruhm,  den  Reigen  der
in  aller  Nacktheit  sich  bloßstellenden  Kreditinstitute  und  ihres  unheimlichen  Totentanzes ­
  eröffnet  zu  haben.  Die  Folge  hat  gelehrt,  daß  sie  dieser  bevorzugten  Stellung
in  der  Geschichte  der  Bankleitungsprostitution  nicht  unwürdig  sei.  Die  Art,  wie  sie
das  Aktienkapital  auf  14  Millionen  erhöhte,  wie  sie  die  Bezugsausübung  der  jungen
Aktien  mit  Agio  zu  bewerkstelligen  wußte,  wie  sie  Gewinn  in  Aussicht  stellte,  wo
schon  ein  reichlich  Stück  Kapital  verloren  war,  und  wie  endlich  die  Maske  abgeworfen
ward,  als  es  zur  Rettung  zu  spät  war,  das  alles  weist  der  Franko-Ungarischen
Bank  einen  ganz  nachbarlichen  Platz  neben  den  wienerschen  bankerotten  und  halbbankerotten ­
  kleinen  Instituten  an,  die  wenigstens  ihr  kleines  Kapital  und  den  großen
Krach  zur  Ausrede  hatten,  während  die  transleithanische  Anstalt  schon  vor  dem  Ach
und  Krach  all  diese  Praktiken  und  Kniffe  hatte  brauchen  müssen,  um  nicht  als  verfallen ­
  zu  erscheinen."
Gleichzeitig  mit  der  Hiobspost  von  Pest  traf  die  Anzeige  ein,  daß  eines  der
ansehnlichsten  Wiener  Bankhäuser,  welches  eine  bedeutende  Rolle  an  der  Börse  zu
spielen  nicht  aufgehört  hatte,  seitdem  es  bestand,  die  Firma  Mayersberg  und  Russo,
seine  Zahlungen  eingestellt  habe.  Schon  48  Stunden  später  hätte  man  solche  Kleinigkeiten, ­
  wie  die  Insolvenz  eines  Bankhauses  und  die  Bloßlegung  der  Schwäche  eines
Bankinstitutes,  gar  nicht  mehr  der  Beachtung  wert  gefunden.  Am  Mittag  des
5.  Mai  aber  wirkte  das  niederschlagend,  erstarrend,  wie  das  Erscheinen  eines  Gespenstes, ­
  das  heraufbeschworen  zu  haben  man  sich  einzugestehen  begann.  „Das  ist
der  Anfang  des  Endes!"  lautete  der  Abschied  und  besagte  der  Händedruck  erfahrener
Börsenleute,  als  das  Glockenzeichen  den  Schluß  dieses  verhängnisvollen  Geschäftstages ­
  verkündete.  „Wie  werden  wir  uns  wiedersehen?"  Die  Frage  war  auf  aller
Lippen.
Am  6.  Mai  trat  die  absolute  Unentschlossenheit  der  Börsenleitung  zutage,  und
mit  ihr  erwuchs  die  Zuchtlosigkeit  und  die  Felonie  der  ohnehin  schon  ganz  entarteten
Spekulation.  Am  6.  Mai  war  es  schon  handgreiflich,  daß  die  Krise  in  vollem  Zuge
sei,  daß  die  nächste  Liquidation  eine  ganz  regellose  und  verheerende  werden  müsse,
und  daß  die  Börsenkammer  Vorsicht  und  Wachsamkeit  verstärken  müsse.  Die  Kurse
fielen  an  diesem  Tage  nicht  gar  so  rapid,  alles  Geschäft  vollzog  sich  unter  dem  Drucke
des  gerechten  Zweifels,  ob  auch  diese  Schlüsse  zu  reellem  Vollzüge  kommen  würden:
es  herrschte  daher  jene  Erstarrung  der  Angst  und  des  Zweifels  ob  des  Ungewissen!
Inzwischen  kam  eine  Jnsolvenzmeldung  um  die  andere.  Sie  bezogen  sich  nur  auf
Individuen  dritten  Ranges;  denn  es  handelte  sich  vorerst  nur  um  Abrechnung  des
früheren  Liquidationstages,  der  noch  leidliche  Kurse  eingestellt  hatte.
Aber  schon  lief  es  wie  ein  Lauffeuer  durch  alle  Kreise  des  beteiligten  Publikums,
flog  es  mit  Blitzesschnelle  durch  die  Provinzen,  daß  es  hoch  an  der  Zeit  sei,  sich  der
            
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