Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

172 Zweiter Teil. Handel. VII. Der Betrieb des Handels. 
flüssige Phrasen in kaufmännischen Briefen, insbesondere gegen die Schlußformel „Hoch 
achtungsvoll" und dgl. und bat um Prüfung der Angelegenheit, gegebenen Falles um Fest 
stellung durch Umfrage bei den übrigen Handelskammern, ob sie zu einem gemeinsamen Vor 
gehen geneigt seien. Der Ausschuß des Deutschen Handelstages beschloß in seiner Sitzung 
am 14. Juni 1910, in der Karl Craemer den Bericht erstattete, von einer Weiterverfol 
gung des Gegenstandes abzusehen. — G. M- 
Über den kaufmännischen Briefstil ist schon viel gesprochen und geschrieben 
worden. Jeder bekennt freimütig die vielen Sünden, die in kaufmännischen Briefen 
begangen werden, aber es ist schwer, sich von einmal gewohnten, ich möchte bei 
nahe sagen, lieb gewordenen Sünden freizumachen, und selbst der, der es sich vor 
nimmt, begeht doch noch, ohne es zu wollen, vielleicht oft, ohne es zu wissen, 
solche Fehler. 
Überall strebt man nach Vereinfachung, nach Kürzung, nach klarer Ausdrucks 
weise. Warum sollen wir es nicht auch im kaufmännischen Stile tun? Ich bin 
sogar der Ansicht, daß es da zu allererst geschehen müßte. Dabei ist es ohne Zweifel 
wahr, wenn die Handelskammer zu Stuttgart in ihrer Begründung sagt, daß die 
schönen Worte „Hochachtungsvoll" usw. nicht in allen Fällen der Ehrlichkeit entsprechen. 
Nicht selten klingt es sogar wie Hohn. Nehmen wir an, es wird jemand brieflich 
über schlechte Bedienung, über grobe Fehler, über verspätete Lieferung, über fehler 
hafte Waren so gehörig abgekanzelt, daß kein gutes Haar mehr an ihm bleibt, 
— dergleichen Dinge sollen vorkommen — da wirkt das „Hochachtungsvoll" geradezu 
verblüffend. Der Engländer schreibt in diesem Falle „Vours sincerely“, das scheint 
mir den Nagel auf den Kopf zu treffen, denn solche Briefe lassen gewöhnlich an Auf 
richtigkeit nichts zu wünschen übrig. 
Die allzu große Höflichkeitsform im kaufmännischen Berufe sollte überhaupt 
verschwinden; es macht einen unangenehmen Eindruck, wenn man solche Dinge 
lesen muß, wie sie häufig bei Anpreisung von Waren oder von Stellen suchenden 
Kaufleuten vorgebracht werden. Wie im persönlichen Verkehr allzu große Höflichkeit 
abstoßend wirkt, so noch mehr im brieflichen. Natürlich darf nicht Schroffheit an 
die Stelle treten. Höflichkeit muß aus dem Briefe sprechen, ohne daß auch nur ein 
Wort, das dies besonders ausdrückt, gebraucht wird. Der ganze Grundton des 
Briefes muß selbst bei scharfen Auseinandersetzungen taktvoll bleiben. 
Bei dieser Gelegenheit werden wir auch zu untersuchen haben, was geschehen 
kann und muß, 
1. um die vielen Fremdwörter zu beseitigen, die der deutsche Kaufmann noch 
gebraucht, 
2. um die nicht selten gedankenlos geschriebenen, falschen Satzbildungen zu 
vermeiden, 
3. um die sprachwidrigen Worte auszumerzen, 
4. um den überflüssigen langen Schreibereien ein Ende zu machen. 
Zu 1. Die Fremdwörter haben im letzten Jahrzehnt schon einen schweren Stoß 
bekommen. Es ist bereits viel, sehr viel geschehen. Mit Aufzählung solcher Fremd 
wörter will ich Sie nicht behelligen, Sie lesen sie häufig genug. Fort mit all den 
Fremdwörtern, die wir ebensogut durch deutsche Wörter ersetzen können. In dieser 
Hinsicht bin ich voll Hoffnung, denn ein Volk, das sich unabhängig fühlt, das sich 
groß weiß, stößt im Laufe der Zeit alles Fremde von selbst ab. 
Zu 2. Wenden wir uns nun zu den falschen Satzbildungen. Auch hier will 
ich Sie mit Beispielen verschonen, obwohl ich eine ganz nette Auswahl auf Lager 
habe. Hier müssen die Handelsfachschulen, die kaufmännischen Vereine helfend ein 
greifen, wenn es die Geschäftsherren nicht ganz fertig bringen. Besonders möchte 
ich auf die häufig geradezu grausigen Verbindungen durch „und" hinweisen und 
auf das allzubeliebte „Einliegend behändige ich Ihnen".
	        
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