Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

10.  Vorteile  und  Gefahren  der  Konzentrationsbewegung  rc.  299
10.  Vorteile  und  Gefahren  der  Konzentrattonsbewegung
inr  deutschen  Bankgewerbe.
Von  Jakob  Rießer.
Rießer,  Die  deutschen  Großbanken  und  ihre  Konzentration  im  Zusammenhange  mit
der  Entwicklung  der  Gesamtwirtschaft  in  Deutschland.  3.  Ausl-  Jena,  Gustav  Fischer,  1910.
S.  569ff.*)
Überblicken  wir  den  Konzentrattonsprozeß  im  deutschen  Bankgewerbe,  so  läßt
sich,  obwohl  er  noch  keineswegs  zu  Ende,  sondern  in  beständigem  Flusse  ist,  doch  eine
Reihe  von  Vorteilen  und  Gefahren  auch  schon  heute  klar  erkennen.
Wir  beginnen  mit  den  Vorteilen:
Es  ist  kein  Zweifel,  daß  die  Geschäftspolitik  einer  Großbank  und  namentlich
einer  solchen,  die  an  der  Spitze  einer  Gruppe  von  Konzernbanken  steht,  mehr  nach
einem  einheitlichen  Programm,  welches  auch  den  allgemeinen  nationalen, ­
  staatlichen  und  wirtschaftlichen  Interessen  Rechnung
trägt,  geleitet  werden  kann  und  wird  als  die  Geschäftspolitik  einer  mittleren  oder
kleinen  Bank  oder  einer  großen  Anzahl  zerstreuter  mittlerer  oder  kleiner  Banken,  die
bei  größeren  Existenzschwierigkeiten  naturgemäß  in  weit  höherem  Grade  bloße  Dividendenpolitik ­
  zu  treiben  genötigt  sind.  Die  Erfahrung  hat  denn  auch  gelehrt,
daß  die  deutschen  Großbanken  der  unbedingten  Notwendigkeit  einer  kräftigen  Unterstützung ­
  der  i  n  d  u  st  r  i  e  l  l  e  n  Exportpolitik  sich  bewußt  gewesen  sind,  und
daß  sie  daraus  auch  sowohl  gegenüber  der  Industrie  und  dem  Exporthandel  wie
durch  Anlegung  deutschen  Kapitals  in  auswärtigen  Unternehmungen,  Geschäften  und
Werten  und  durch  energische  Förderung  der  deutschen  Schiffahrts-,
Kolonial-,  Kanal-  und  Kabelpolitik  die  Konsequenzen  gezogen  haben.
Es  ist  ferner  sicher,  daß  die  Geschäftsführung  der  Großbanken  einer  schärferen
Kontrolle  der  Fachpresse  und  der  öffentlichen  Meinung  unterliegt  als  eine  große  Zahl
isolierter  mittlerer  und  kleiner  Bankbetriebe.
Weiter  ist  zweifellos,  daß  derart  einheitlich  geleitete  mächtige  Banken  und  Bankgruppen ­
  mindestens  so  lange  geeignet  sind,  der  Wirtschasts-  und  Weltpolitik ­
  des  Deutschen  Reiches  als  eines  ihrer  kräftig  st  en
Machtmittel  dien  st  bar  zu  sein,  als  ihre  Leiter  sich  dieser  ihrer  wichtigen
Aufgabe,  wie  bisher,  bewußt  bleiben.  Für  die  staatlichen  Organe  aber  ist  es  ohne
Zweifel  eine  Erleichterung,  wirtschaftliche  Maßnahmen,  die  durch  Heranziehung  des
Privatkapitals  verwirklicht  werden  sollen,  und  die  entweder  zunächst  vertraulich  behandelt ­
  werden  müssen  oder  einer  raschen  Entschließung  bedürfen  oder  (wie  Kabelnder ­
  Kolonialunternehmungen)  eine  längere  Festlegung  erheblicher  Kapitalien  erfordern, ­
  mit  einer  kleinen  Zahl  von  Großbanken,  die  ihren  Sitz  oder  Schwerpunkt  in
Berlin  haben,  zu  verhandeln.  —
Aber  auch  den  Banken  selbst  gewährt  die  Konzentration  eine  Reihe  von  wichtigen ­
  geschäftlichen  Vorteilen,  und  zwar  sowohl  diejenige  Konzentration,  welche  sich
mittels  Angliederung  von  Unternehmungen  oder  mittels  Schaffung  von  Interessengemeinschaften ­
  (durch  Erwerb  von  Aktien,  Gründung  von  Tochter-  und  Trustgesellschaften ­
  oder  durch  Vertrag  oder  Aktienaustausch)  vollzieht,  als  diejenige  Konzentration, ­
  welche  mittelst  Dezentralisation  des  Betriebes  erreicht  wird,  also  durch  Begründung ­
  von  Kommanditen,  Filialen,  Agenturen  und  Depositenkassen.  Denn  alle
*)  Die  4.  Auflage  des  Rießerfchen  „Großbankenbuchs"  (Jena,  Gustav  Fischer,  1912.
XIII  und  768  S.),  das  in  Abschnitt  VI  S.  612ff.  u.  a.  „Vorteile  und  Gefahren  der  Konzentration" ­
  behandelt,  konnte  nicht  mehr  verwertet  werden.  —  G.  M-
            
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