Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter Teil. Handel. XII. Bankwesen. 
kunftsstaat" durchzuführenden Vergesellschaftung der Produktions 
mittel führen müsse, hat sich in Deutschland nicht verwirklicht und dürfte sich auch 
in der Folge kaum verwirklichen. Abgesehen von anderen Gründen schon um des 
willen nicht, weil das dem deutschen Volke in besonders hohem Grade innewohnende 
Bedürfnis nach Erhaltung der individuellen Selbständigkeit 
sich bisher selbst auf dem Gebiete der Kartelle mächtig erwiesen und dort in Deutsch 
land bis heute den Übergang zur reinen Trustform verhindert hat, so groß auch die 
gerade mit dieser Form verbundenen technischen Vorteile sein mögen. 
Endlich hat die Konzentrationsbewegung bisher nicht zu der von vielen Seiten 
für nötig oder dringend wünschenswert erachteten umfassenden Verstaat 
lichung der Betriebe geführt und wird wohl auch in Zukunft dazu nicht 
führen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse eintreten sollten. Die — an sich 
nur auf einen mehr automatisch sich vollziehenden Betrieb anwendbare — Verstaat 
lichung der Betriebe stellt, wo sie nicht für einen einzelnen Industriezweig aus 
zwingenden Gründen, also etwa im Interesse der staatlichen Selbsterhaltung, er 
forderlich ist, oder soweit sie nicht im Interesse der Sicherheit, Schnelligkeit und Aus 
dehnung des Verkehrs unabweisbar ist, im allgemeinen jedenfalls, einen wirtschaft 
lichen Rückschritt dar. 
Weder die für den Fortschritt der Gesamtwirtschaft unerläßliche Initiative, 
noch der notwendige Wagemut der Leiter kann in Staatsbetrieben in ausreichen 
dem Umfange betätigt werden. Durch eine über die angedeuteten Grenzen hinaus 
gehende Verstaatlichung von Privatunternehmungen, welche in so weit der kollekti 
vistischen Betriebsorganisation der Sozialdemokratie durchaus ähnelt, wird überdies 
der Erwerbstrieb, also die mächtigste Triebkraft jedes wirtschaftlichen Fort 
schritts, vermindert, überdies aber auch die freie Entwicklung unternehmungskräftiger, 
weitblickender Persönlichkeiten ausgeschaltet, deren energischer und unbeengter Ini 
tiative wir in Deutschland so viel verdanken. 
Die (besonders von Ad. Wagner vertretene) staatssozialiftischeRich- 
t u n g, welcher vielfach Staatsmonopole und eine bis zur Expropriation reichende 
Anziehung der Steuerschraube ungemein sympathisch sind, kann nach meiner Über 
zeugung Deutschland noch weit größere Schädigungen zufügen, als es die rein indi 
vidualistische Richtung, sowenig ich sie empfehlen möchte, je herbeizuführen 
vermocht hat. 
Gerade in Deutschland, wo leider oft schon die bloße Möglichkeit von Ge 
fahren und übergriffen den Wunsch und den Ruf nach staatlichem Einschreiten zeitigt, 
sollte man vor allem eines nicht vergessen: 
Für die Konzentrationstendenzen muß im allgemeinen etwas Ähnliches gelten, 
was für die Kartelle gilt, daß sie nämlich, wenn auch nicht „Kinder der Rot", so doch 
„Kinder der Notwendigkeit" sind. Sie stellen die Waffen dar, mit denen die einzelnen 
Zweige der Gesamtwirtschaft ihren Existenzkampf namentlich nach außen mit der 
relativ größten Aussicht auf Erfolg führen zu können überzeugt sind. Schon die 
Übereinstimmung der nämlichen Vorgänge in fast allen Kulturstaaten, die auf ähn 
licher wirtschaftlicher Höhe stehen, macht es wahrscheinlich, daß diese Überzeugung 
begründet ist, und daß ein — zudem ohne Angabe klarer Ziele — mitunter verlangtes 
sofortiges gesetzgeberisches Einschreiten, um eine weitere Entwicklung der Konzen 
trationstendenzen zu verhindern, also eine einseitige wirtschaftliche Abrüstung, in 
hohem Grade nützlich ... für andere Länder wäre.
	        
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