326 Zweiter Teil. Handel. XIV. Buch- und Zeitungswesen.
(Leipziger Zeitung), in England 1702 (Daily Courant), in Frankreich 1777 (Journal
de Paris).
Politische Tagesfragen in den Zeitungen zu besprechen und sie als Mittel zur
Ausbreitung von Parteimeinungen zu benutzen, fing man zuerst in England während
des Langen Parlaments und der Revolution von 1649 an. Später folgten die Nieder
lande und ein Teil der deutschen Reichsstädte. In Frankreich vollzog sich der Um
schwung erst zur Zeit der Großen Revolution, in den meisten anderen Staaten im
19. Jahrhundert. Die Zeitungen wurden aus bloßen Nachrichtenpublikationsanstalten
auch Träger und Leiter der öffentlichen Meinung und Kampfmittel der Parteipolitik.
Dies hatte für die innere Organisation der Zeitungsunternehmung die Folge,
daß sich zwischen die Nachrichtensammlung und die Nachrichtenpublikation ein neues
Glied einschob: die Redaktion. Für den Zeitungsverleger aber hatte es die Be
deutung, daß er aus einem Verkäufer neuer Nachrichten zugleich zu einem Händler mit
öffentlicher Meinung wurde.
Das hatte zunächst kein weiteres Bedenken, als daß der Verleger in den Stand
gesetzt wurde, das Risiko feiner Unternehmung zum Teil auf eine Parteiorganisation,
eine Jnteressentengruppe, eine Regierung abzuwälzen. Gefiel die Tendenz des Blattes
den Lesern nicht, so hörten sie auf, es zu kaufen; ihr Bedürfnis blieb also doch in
letzter Linie für den Inhalt der Zeitungen maßgebend.
Die allmählich fortschreitende Verbreitung der gedruckten Zeitungen führte jedoch
bald auch ihre Benutzung zu öffentlichen Bekanntmachungen der Behörden herbei,
und daran schloß sich im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts die Ausbildung des
privaten Annoncenwesens. Dasselbe hat gegenwärtig durch die sog. Annoncen
expeditionen eine ähnliche Organisation erlangt, wie die politische Nachrichten
sammlung durch die Korrespondenzbureaus.
Durch die Aufnahme des Jnferatenwefens geriet die Zeitung in eine eigentüm
liche Zwitterstellung. Sie bringt für den Abonnementspreis nicht mehr bloß Nach
richten und Ansichten zur Veröffentlichung, an die sich ein allgemeines Interesse knüpft,
sondern sie dient auch dem Privatverkehr und dem Privatinteresse durch Anzeigen
jeder Art, welche ihr speziell vergolten werden. Sie verkauft neue Nachrichten an
ihre Leser, und sie verkauft ihren Leserkreis an jedes zahlungsfähige Privatinteresse.
Auf demselben Blatte, oft auf derselben Seite, wo die höchsten Interessen der Mensch
heit Vertretung finden oder doch finden sollten, treiben Käufer und Verkäufer in
niedriger Gewinnsucht ihr Wesen, und für den Uneingeweihten ist es oft schwer genug,
zu unterscheiden, wo das öffentliche Interesse aufhört, und wo das private anfängt.
Das ist um so gefährlicher, als sich im Laufe des 19. Jahrhunderts der Inhalt
des redaktionellen Teiles der Zeitungen fast über das ganze Gebiet allgemein mensch
licher Interessen ausgedehnt hat. Die hohe Politik, die staatliche und kommunale Ver
waltung, die Rechtspflege, die Kunst in allen ihren Äußerungen, die Technik, das
wirtschaftliche, das soziale Leben in seinen mannigfachen Ausstrahlungen spiegeln sich
in der Tagespresse ab; auch ein guter Teil der schöngeistigen und selbst der wissen
schaftlichen Produktion mündet seit der Ausdehnung des Feuilletons in diesen großen
Strom des sozialen Geisteslebens der Gegenwart aus. Die Publikationsform des
Buches verliert — darüber dürfen wir uns am wenigsten täuschen — von Jahr zu
Jahr an Boden.
Die moderne Zeitung ist eine kapitalistische Unternehmung, sozusagen eine Neuig
keitenfabrik, in welcher in mannigfach geteilter Arbeit eine große Zahl von Personen
(Korrespondenten, Redakteure, Schriftsetzer, Korrektoren, Maschinenpersonal, An
noncensammler, Expeditionsgehilfen, Boten) unter einheitlicher Leitung gegen Lohn
beschäftigt werden, und die für einen unbekannten Leserkreis, von dem sie oft noch
durch Zwischenglieder (Kolporteure, Postanstalten) getrennt ist, Ware erzeugt. Nicht