338 Zweiter Teil. Handel. XV. Kaufmännisches Unterrichtswesen.
herangetreten. Bis dahin hatten die ganzen patriarchalischen Verhältnisse, die ge
mütlichen Formen des Geschäftsganges, die sich selbst in den großen Kontoren unserer
Kaufmannschaft zeigten, die Hausgemeinschaft des Lehrherrn mit dem Lernenden
genügend Gelegenheit gegeben, hinter die Geschäftsgeheimnisse zu kommen, im per
sönlichen Umgang mit dem Geschäftsinhaber den Wissensdurst zu befriedigen, wie
dies in Gustav Freytags „Soll und Haben" so unübertrefflich geschildert ist. An Stelle
dieses etwas kleinbürgerlichen und behaglichen Lebens schien mit Naturnotwendigkeit
mehr und mehr ein freier Wettkampf mit hohem Einsatz zu treten. Statt der alten
gewohnheitsmäßig festgelegten Preise ward ein gegenseitiges Unterbieten die Regel.
Früher konnte man sich mit wenig Geschäften begnügen, weil an jedem einzelnen
Geschäft ein großer Nutzen erzielt wurde. Nun hieß es, großen Umsatz zu sichern,
da der Vorteil aus jedem einzelnen Warentausch nur ein geringer blieb. Nur wer
zu organisieren verstand, das erstrebte Ziel mit Wagemut und tatkräftiger Energie
verfolgte, wer sich Kenntnis des Geschmacks, des Bedarfs und der Absatzfähigkeiten
aneignete, in der Kunst der Menschenbehandlung nicht unerfahren blieb, konnte den
neuen Aufgaben vollkommen gerecht werden. Nicht leicht war es, sich die nötige
klare Übersicht über die neugestalteten Verhältnisse der Zeit zu verschaffen. Nur durch
gehobene Allgemeinbildung, nur durch vertiefte Kenntnisse war die rasche Entschluß
fähigkeit zu erwerben, die keine günstige Gelegenheit ungenützt vorübergehen ließ.
Gustav v. Mevissen, der selbst alle Bildungsmöglichkeiten seiner Zeit von
Jugend an sich zunutze machte, aber klar erkannte, wie schwer die nötigen Kenntnisse
auf autodidaktischem Wege, lediglich durch Selbstunterricht zu gewinnen waren,
wählte den Tag der goldenen Hochzeit des Kaiserpaares, den 11. Juni 1879, um mit
seinen Absichten an die Öffentlichkeit zu treten, indem er der Stadt Köln ein nam
haftes Kapital zur Verfügung stellte, das den Grund zu einer Handelsakademie legen
sollte.
Die Aufgaben, die er für die geplante Hochschule in Aussicht nahm, legte er bei
diesem Anlaß eingehend dar. „Die Handelsakademie soll die Bestimmung haben, als
akademische Hochschule der Universität in Bonn und der Polytechnischen Schule in
Aachen ergänzend zur Seite zu treten, um einem mehr und mehr sich aufdrängenden
Bedürfnisse der Gegenwart zu begegnen und speziell in der Stadt Köln einen
Mittelpunkt wissenschaftlichen Lebens und Strebens zu
bilden, dessen sie dringend bedarf, wenn nicht einseitige Erwerbsrichtungen im
Leben der Metropole des Rheinlands zu dominierend in den Vordergrund treten
sollen. Die geplante Anstalt soll, die Bedingungen späterer erfolgreicher Tätigkeit
auf dem Gebiete des Erwerbslebens in sich aufnehmend und dieselben kultivierend,
neben einer gründlichen Fachbildung zugleich die allgemeine menschliche Bildung
nach wissenschaftlicher Methode fördern und im Manne des Fachs zugleich den fest in
sich ruhenden Charakter, den sittlichen selbstbewußten Menschen erziehen."
Eine besondere Denkschrift entwickelte die Aufgabe und den Lehrplan der Anstalt
im einzelnen. Sie griff über das Programm einer Fachschule weit hinaus; die junge
handeltreibende Welt sollte vor allem lernen, wie die Tätigkeit des weltumblickenden
Großkaufmannes, des Führers im nationalen Wirtschaftsleben, mit dem Staat und
dem allgemeinen Fortschritt zusammenhängt. Gediegene und ausgebreitete Fach
bildung sollte eine Auslese der kaufmännischen Jugend Deutschlands befähigen, über
den Nächstliegenden direkten Vorteil hinaus zu erfassen, wo die großen produktiven
Aufgaben und Ziele der Zukunft liegen, um so auf dem ökonomischen Gebiete die
Machtstellung Deutschlands aufrecht zu erhalten, die es auf dem politischen Gebiet
errungen hatte.
Mevissen wollte also in Ergänzung einer guten Schulbildung, die neben der
Lehre eine wesentliche Voraussetzung für den kaufmännischen Beruf bildet, und neben