Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5. Der Deutsche Handelstag 1861—1911. 
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war. In einem Rundschreiben konnte die Heidelberger Kammer bemerken, 
daß, wenn für die Versammlung die Wahl auf einen b a d i f ch e n Platz fallen würde, 
dem Unternehmen nicht nur von der Regierung, fondern auch von dem 
Landesfür st en jeder mögliche Vorschub geleistet werden dürfte. Die Wahl fiel 
auf Heidelberg, und die badische Regierung bewilligte 1500 Gulden als Beitrag zu 
den Kosten der Versammlung. 
Montag, der 13. Mai 1861, ist angebrochen; es ist morgens 9 Uhr. Die 
alte Aula der Heidelberger Universität, geschmückt mit den Büsten des Grohherzogs 
Friedrich und der Großherzogin von Baden, erwartet die Vertreter von Deutschlands 
Handel und Industrie. Da nahen sie in feierlichem Zuge mit schwart-rot-goldener 
Fahne, geschmückt mit Schleifen in denselben Farben als Symbol der anzustrebenden 
Einheit Deutschlands. Das ganzeDeutschlandsolles sein, nicht nur von der 
Maas bis an die Memel, sondern auch von der Etsch bis an den Belt! Ja, von der 
Adria her hat Triest Vertreter entsendet, die sich mit den weiteren österreichischen 
Vertretern aus Wien, Brünn, Olmütz, Prag und Reichenberg vereinigen. Aus dem 
Zollverein sind, von Memel bis Konstanz, mehr als 70 Plätze vertreten. Auch 
Holsteiner, Hamburger, Bremer und Lübecker sind gekommen. 
Ritzhaupt e r ö f f n e t die Versammlung. Im Namen des Großherzogs begrüßt 
sie der Präsident des badischen Handelsministeriums W e i z e l mit einer vortrefflichen 
Rede, die in die Hoffnung ausklingt, es möchten die Erfolge, die im Deutschen Handels 
tag einen wesentlichen Stützpunkt haben würden, dazu führen, daß das deutsche 
Vaterland auch in politischer Beziehung zu größerer Einigung gelange und diejenigen 
Einrichtungen erhalte, welche die Bedingungen seiner Kraft und Größe seien; dies sei 
die schönste Hoffnung, die er an den Bestand und das Gedeihen des Handelstags 
geknüpft sehen möchte, ss. oben S. 350*).j 
Es folgen die Wahlen. Aus ihnen geht als erster Präsident des Deutschen 
Handelstags D a v i d H a n s e m a n n hervor. Ein bedeutender Mann! Als Sohn 
eines Pfarrers auf der Elbinsel Finkenwärder bei Hamburg geboren, hat er durch 
eigene Tüchtigkeit Großes erzielt. In Aachen hat er die Aachener und Münchener 
Feuerversicherungsgesellschaft ins Leben gerufen; 1848 ist er preußischer Finanz- und 
Handelsminister, bis 1851 Chef der Preußischen Bank gewesen; jetzt steht er an der 
Spitze der von ihm gegründeten Direktion der Diskontogesellschaft. Unter seiner 
Leitung beginnen die Verhandlungen des Deutschen Handelstags. 
Erster Gegenstand der T a g e s o r d n u n g ist die S a tz u n g. Dr. Hermann 
Weigel, Sekretär der Handelskammer zu Breslau, hat sie entworfen und ist 
Berichterstatter, ein Mann, von dem bei späterer Gelegenheit gerühmt wurde, daß 
er von Anfang an am tiefsten den idealen Gedanken erfaßte, der den Deutschen 
Handelstag zusammengeführt habe und auch in Zukunft zusammenhalten müsse. Mit 
geringen Änderungen wird der Satzungsentwurf angenommen. 
Adolf Soetbeer, Sekretär der Kommerzdeputation (später Handelskammer) 
zu Hamburg, tritt als nächster Berichterstatter auf. Er ist kein glänzender Redner, 
kein Schönredner, aber ein Mann von weiten und tiefen Kenntnissen, die er mit 
unermüdlichem Fleiß erwirbt und verwertet, dabei von praktischem Blick. Die klare 
Sachlichkeit ist es, die ihm für feine Ausführungen die Aufmerksamkeit schafft und 
den Erfolg sichert. Er spricht über die Einführung einheitlichen Maßes und 
Gewichtes und die Einführung einheitlicher M ü n z e in Deutschland. Das waren 
die Gegenstände, die gewürdigt wurden, als erste der Beschlußfassung des Deutschen 
Handelstags unterbreitet zu werden. Der Berichterstatter fordert die Einheitlichkeit 
und empfiehlt das Meter, das Liter, das metrische Pfund zu 500 g, er empfiehlt die 
Mark mit Teilung in 100 Pfennige, ohne damit zunächst der Lösung der Währungs 
Mol lat, Volkswirtschaftliches Luellenbuch. 4. Ausl. 23
	        
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