Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Der  Deutsche  Handelstag  1861—1911.

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Partei,  dem  vorsichtigen  Rate  des  Ausschusses  widerstrebend,  einen  scharfen  Beschluß
gegen  jede  Erhöhung  dieser  Zölle  herbeiführen.  Es  gelang  ihr  auch;  indessen  wurde
der  Beschluß  nur  mit  147  Stimmen  gegen  144  Stimmen  gefaßt,  so  daß  von  keinem
Erfolge  gesprochen  werden  konnte.  Man  ließ  sich  dies  zur  Lehre  dienen,  und  als  noch
im  selben  Jahre,  im  September,  von  neuem  über  die  Angelegenheit  verhandelt  wurde,
begnügte  man  sich  damit,  eine  wesentliche  Ermäßigung  der  Lebensmittelzölle  des
damaligen  Tarifentwurfs  zu  fordern.  Hiergegen  stimmte  niemand;  es  fanden  nur
einige  Stimmenthaltungen  statt.
Bei  den  neueren  Verhandlungen  über  die  Richtlinien  der  Handelsvertragspolitik ­
  ergab  sich  eine  erfreuliche  Übereinstimmung  der  Meinungen,  so  daß
der  grundsätzliche  Standpunkt  desDeutschen  Handelstags  mitNachdruck  vertreten  werden
konnte.  Daneben  bot  sich  Gelegenheit,  in  der  systematischen  Bearbeitung  aller  aus
Einzelheiten  gerichteten  Wünsche  eine  große  und  nützliche  Arbeit  zu  leisten.
Mit  Befriedigung  kann  man  auch  auf  die  Verhandlungen  zurückblicken,  die,
beginnend  mit  der  Bersammlung  von  1861,  über  das  Geldwesen  und  dann  auch
über  das  Bankwesen  im  Deutschen  Handelstag  stattfanden.  Sie  sind  nicht  ohne
Einfluß  auf  die  Herbeiführung  des  gegenwärtigen  guten  Zustandes  gewesen.  Aus
der  neueren  Zeit  wird  noch  manchem  der  glänzende  Vortrag  in  Erinnerung  fein,
den  Max  S  ch  i  n  ck  e  l  aus  Hamburg  1898  über  die  Reichsbank  hielt.
Zu  eindrucksvollen  Kundgebungen  führte  die  schlechte  Behandlung,  welche  die
Börse  durch  dieGesetzgebung  erfuhr.  JhreGegner  dachten  diejenigen,  die  sie  alsBörsenjobber
  bezeichneten,  isoliert  zu  finden.  Aber  einmütig  traten  ihnen  der  ganze  Handel
und  die  Industrie  im  Deutschen  Handelstag  entgegen,  und  mit  moralischem  Pathos,
aber  keinem  hohlen  Pathos  verteidigten  Männer  wie  Frentzel,  Kaempf
st.  oben  S.  234—238],  Franz  v.  Mendelssohn,  Rießer  die  Ehre  des
Kaufmanns  und  geißelten  die  schlimmen  Mißstände,  die  durch  Schuld  des  Gesetzes
eingerissen  waren.  Auch  hier  blieb  der  Erfolg  nicht  aus.
Zahllos  und  zum  Teil  von  großer  Bedeutung  waren  die  Fragen  auf  dem
Gebiete  des  Verkehrswesens,  der  Post,  der  Eisenbahn,  der  Schiffahrt,  die  der
Deutsche  Handelstag  behandelte.
Seltener,  jeweils  aber  auch  mit  großen  Ansprüchen,  traten  das  V  e  r  f  i  ch  e  -
rungswesen  und  der  Schutz  des  gewerblichen  Eigentums  an  ihn  heran.
Öfter,  als  ihm  lieb  war,  hatte  er  sich  namentlich  in  jüngster  Zeit  mit  Steuern
3U  beschäftigen.  Ein  heikler  Gegenstand.  Zwar  nicht  schwierig,  wenn  es  galt,  für
Forderungen  der  Gerechtigkeit  einzutreten.  Schwierig  aber,  wenn  notwendigerweise
auf  die  Schädigungen  hingewiesen  werden  muhte,  die  solchen  Gewerbezweigen
drohten,  durch  deren  Vermittelung  das  Geld  für  den  Staat  gewonnen  werden  sollte.
Lebendig  tritt  mir  der  Konflikt  mit  dem  preußischen  Finanzminister  v.  Miguel  vor  die
klugen,  als  er  auf  unserem  Festmahl  von  1894  mit  zorngeschwollenen  Adern  uns  ins
Gewissen  redete  und  erklärte,  daß  es  keine  Kunst  sei,  derartige  Schädigungen  zur
Geltung  zu  bringen,  daß  wir  aber  kein  Recht  hätten,  Steuerpläne  als  mangelhaft
abzulehnen,  wenn  wir  keine  besseren  zu  empfehlen  hätten,  denn  Geld  müsse  in  die
Kasse  kommen.  Es  war  das  letzte  Mal,  daß  wir  die  Ehre  hatten,  einen  preußischen
Flnanzminister  bei  uns  zu  sehen.
Von  großen  Arbeitsgebieten  nenne  ich  noch  die  Sozialpolitik,  wo  wir
gern  die  Fürsorge  für  die  Arbeiter  gutheißen,  aber  doch  zum  Maßhalten  mahnen
und  gegen  allzuvieles  Reglementieren  uns  wehren  müssen,  das  Handelsrecht,
wo  beispielsweise  bei  der  völligen  Erneuerung  des  Handelsgesetzbuchs  eine  umfangreiche ­
  Aufgabe  von  uns  bewältigt  wurde,  die  besonderen  Fragen  des  Kleinhandels, ­
  die  Fragen,  bei  denen  es  sich  um  die  Abwehr  agrarischer  Bestrebungen
  handelte.  Dann  kommen  weiter  viele  Einzelheiten.
            
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