Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

356  Zweiter  Teil.  Handel.  XVI.  Amtliche  Handelsvertretungen.

Meist  bestand  die  Tätigkeit  des  Deutschen  Handelstags  darin,  Gutachten  abzugeben ­
  und  Wünsche  zu  äußern  hinsichtlich  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung.  Gelegentlich ­
  hat  er  aber  auch  eine  andere  Aufgabe  in  Angriff  genommen,  ich  meine
die  Mitwirkung  an  der  Verbesferung  der  Grundlagen,  auf  denen  sich  ein  erheblicher
Teil  des  internationalen  Getreidehandels  vollzieht.  Eine  Erfrischung  liegt
darin,  nicht  immer  nur  Anträge  zu  stellen,  über  die  andere  zu  entscheiden  haben,
sondern  sich  auch  einmal  unmittelbar  an  der  Schaffung  nützlicher  Einrichtungen  zu
beteiligen;  und  erfreulich  war  es,  daß  dadurch  die  Beziehungen  des  Deutschen  Handelstags ­
  sich  erweiterten,  auch  zu  dem  Ausland,  zu  den  Niederlanden  und  Belgien,  zu
den  nördlichen  Staaten  Europas,  zu  Rußland  und  den  südöstlichen  europäischen  Ländern.
Doch  genug  von  den  Sachen,  mit  denen  der  Deutsche  Handelstag  sich  beschäftigte.
Von  einigen  Personen,  die  in  ihm  eine  führende  Rolle  spielten,  möchte  ich  noch
sprechen.  Ich  erwähnte  schon  den  ersten  Präsidenten  Hansemann:  ich  erwähnte
den  zweiten  Präsidenten  v.  Beckerath  und  die  beiden  Ausschußmitglieder  Adolf
Soetbeer  und  Hermann  Weigel.  Neben  diesen  beiden  ist  von  berufener  Seite
Benjamin  Liebermann  (Berlin)  als  derjenige  bezeichnet  worden,  dem  der
Deutsche  Handelstag  während  feines  ersten  Vierteljahrhunderts  das  meiste  verdanke.
Er  war  der  fünfte  Präsident,  nachdem  ihm  H.  H.  Meier  (Bremen),  der  Gründer
des  Norddeutschen  Lloyd,  als  dritter  und  Gustav  Dietrich  (Berlin)  als  vierter  vorangegangen ­
  waren.  Alle  fünf  Präsidenten  der  Anfangszeit  blieben  nur  kurz,  zusammen ­
  10  Jahre.
Es  folgte  für  20  Jahre  Adelbert  Delbrück.  Von  vornherein  wurde  ihm  ein
besonders  großes  Vertrauen  entgegengebracht;  man  wählte  ihn  in  den  Ausschuß,
um  ihn  sofort  auch  zum  Vorsitzenden  zu  wählen.  Er  hat  den  Deutschen  Handelstag
in  den  schwierigsten  Zeiten  mit  großer  Umsicht  geleitet.  Sein  volles  Interesse,  ja
seine  Liebe  wandte  er  ihm  zu.  Um  so  tiefer  schmerzte  es  ihn,  daß  er  zweimal  —
aus  den  früher  erwähnten  Anlässen  —  einen  Abfall  vom  Deutschen  Handelstag
erlebte.  Er  war  ein  idealer  Mensch,  und  es  war  ihm  unverständlich,  wie  Handelskammern ­
  wegen  entgegengesetzter  wirtschaftlicher  Anschauungen  das  große  ethische
Moment  mißachten  konnten,  das  in  der  Zusammenfassung  aller  größeren  deutschen
Plätze  und  Stämme,  der  verschiedensten  wirtschaftlichen  und  politischen  Anschauungen
zu  einer  organisierten  gemeinsamen  Tätigkeit  lag.  „Nicht  nur  in  den  Stunden  der
Begeisterung",  so  sagte  er  in  der  Festrede  bei  der  Feier  des  25  jährigen  Bestehens  des
Deutschen  Handelstags,  „nicht  nur  in  den  Stunden  der  Begeisterung,  sondern  jederzeit ­
  muh  uns  der  Gedanke  beherrschen,  daß  die  gegensätzlichen  Auffassungen  nicht
Vernichtung,  sondern  Leben  in  die  Gemeinschaft  bringen  sollen,  der  Gedanke,  daß
niemand  sich  selbst  genug  ist,  sondern  daß  zur  vollen  Entwickelung  und  Entfaltung
seiner  Kräfte  die  Gemeinschaft  und  der  Dienst  in  der  Gemeinschaft  gehört.  .  .  -
Nur  in  der  Gemeinschaft  können  wir  die  Kraft  finden,  die  uns  Hilfe  schafft,  nur
durch  die  Gemeinschaft  die  selbstbewußte  Unabhängigkeit  und  den  rechten  Stolz  auf
den  Beruf  erwecken."  Das  sind  herrliche  Worte,  deren  Geist  auch  über  der  heutigen
Feier  schweben  möge.
Die  nächsten  15  Jahre  stand  Adolf  F  r  e  n  tz  e  l  an  der  Spitze  des  Deutschen
Handelstags.  Auch  er  eignete  sich  für  das  ihm  übertragene  Amt  in  hohem  Maße
dadurch,  daß  er  mit  reichen  Kenntnissen  und  klugem  Geiste  die  Fähigkeit  verband,
zwischen  Gegensätzen  zu  vermitteln.  Eine  abgeklärte  Weltweisheit  zeichnete  ihn  aus
und  durchwehte  die  schöne  Rede,  die  er  zwei  Jahre  vor  seinem  Tode  —  als  seine
letzte  —  bei  unserem  Festmahl  für  den  Frieden  unter  den  Völkern  hielt
(18.  März  1903).
Bis  zur  Minute  bin  ich  darüber  im  Zweifel  gewesen,  ob  es  mir  gestattet  ist,  auch
über  den  gegenwärtigen  Präsidenten  Johannes  Kaempf  etwas  zu  sagen.  Als
            
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