Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

364  Dritter  Teil.  Industrie.  I.  Allgemeines  und  Grundsätzliches.

hafte  Gefühl  des  Bedürfnisses  der  kommenden  Zeit  die  treibende  Kraft,  mehr  als  der
freudige  Gedankenblitz  eines  Papin,  der  zu  all  dem  den  Anstoß  gegeben  hatte.  Allein
im  Laufe  der  zahllosen,  immer  wieder  erneuten  Versuche  waren  es  doch  wieder  eine
Reihe  von  Erfindungen  in  kleinerem  Maßstabe,  die  direkte  schöpferische  Arbeit  des
menschlichen  Geistes,  ohne  die  die  große  Idee  niemals  zur  wirklichen  Erfindung  geworden ­
  wäre.

2.  Poesie  und  Technik.
Von  M  a  x  v.  E  y  t  h.  .
Eyth,  Poesie  und  Technik.  In:  Lebendige  Kräfte.l!  Sieben  Vorträge  aus  dem  Gebiete ­
  der  Technik.  Berlin,  Julius  Springer,  1908.  S.  18—21.
Das  poetische  Empfinden  findet  seinen  überzeugendsten  Ausdruck  vornehmlich
in  der  Kunst  und  ihren  mannigfachen  Äußerungen.
Da  haben  uns  Techniker  zunächst  die  Maler  entdeckt.  Es  ist  dies  um  so
bemerkenswerter,  als  man  der  Technik  in  erster  Linie  die  Schönheit,  das  wesentlichste
Element  der  Malerei,  abspricht.  Menzels  berühmtes  Bild  eines  Walzwerks  in
voller  Arbeit  zeigt  in  klassischer  Weise,  was  ein  großer  Künstler  aus  einem  großen,
wenn  auch  scheinbar  spröden  Vorwurf  zu  machen  vermag.  Reine  Schönheit  der
Form  ist  eben  nicht  das  einzige,  was  selbst  die  idealste  Kunst  uns  zeigen  soll.  Bewegung, ­
  Kraft,  Kampf,  —  alles,  was  des  Menschen  Herz  ergreift,  kann  auch  ein
wahrer  Künstler  ergreifen.  Daß  aber  ein  Walzwerk  des  Menschen  Herz  ergreift,  ist
mir  zweifellos,  wenn  ich  mich  daran  erinnere,  wie  es  mich  erschütterte,  als  ich  als
zwölfjähriger  Junge  das  erste  zu  sehen  bekam.  Es  war  das  kein  bloß  äußerlicher
Eindruck,  den  das  Glühen  und  Sprühen,  das  Krachen  und  Knallen  hervorrief,  es
war  die  stolze  und  wahre  Empfindung  der  menschlichen  Kraft  im  Kampf  mit  den
dämonischen  Elementen  der  rohen  Natur:  es  war  die  Poesie  des  Bildes.
Seit  Menzel  und  schon  vor  ihm  suchten  Maler  mit  Erfolg  auf  unserem  Gebiet
Motive,  die  es  zu  Hunderten  dem  Auge  bietet,  das  Sinn  für  Kraft  und  Größe  hat:
eine  Lokomotive,  die  ihren  stillen  Weg  durch  einen  Schneesturm  pflügt,  eine  andere,
die  in  sttller  Mondnacht  mit  ihrem  schwarzen  Zug  an  einer  Friedhofmauer  hinstllrmt,
all  die  prächtigen  Seebilder  neuesten  Datums,  Schlachtschiffe,  die  in  stolzer  Ruhe
durch  die  Morgendämmerung  hinziehen,  Torpedoboote,  die  sich  in  Stürmen  jagen
wie  eine  Herde  spielender  Delphine.  Dann  auch  die  Tragik  unseres  Berufes,  die  zuzeiten ­
  vielleicht  allzusehr  betont  wird:  das  Elend,  das  sich  an  die  Fabriken  klammert,
die  erschütternden  Unglücksfälle,  die  der  Kampf  des  Lebens  uns  so  wenig  erspart  wie
dem  Soldaten  vor  dem  Feinde.  All  das  hat  in  der  Malerei  Wurzel  gefaßt.  Sie
gibt  uns  kaum  Veranlassung  mehr,  über  Vernachlässigung  zu  klagen.
Auch  die  Skulptur  hat  die  moderne  Technik  entdeckt  und  faßt  da  und  dort  das
Charakteristische  ihres  Wesens  richtig  und  kraftvoll  auf.  Statuen  der  Arbeit  —
unserer  Arbeit  —  sind  nicht  mehr  selten.  Namentlich  sehen  wir  in  zahlreichen  Statuetten
des  Kunstgewerbes  Sachen  voll  ernster  und  zugleich  lebensfroher  Poesie,  welche  sie
uns  verdanken.  Es  sind  fast  immer  zugleich  Darstellungen  des  Muts,  der  Ausdauer,
des  Willens,  der  Männlichkeit  gegenüber  so  vielem  anderen,  das  den  Genuß,  die  Erschlaffung, ­
  die  ermattete  oder  aufgestachelte  Leidenschaft  verbildlicht.  Wenn  ein
Künstler  die  noch  gesunde  Seite  des  modernen  Lebens  darstellen  will,  kommt  er  zu  uns.
Dagegen  hat  uns  die  Musik  kaum  noch  aufgefunden.  Ein  großes  Genie  wie
Richard  Wagner  hörte  wohl  im  Klang  der  Schmiedehämmer  ein  Leitmotiv,
das  in  seine  Heldensagen  paßte.  Kleinere  Geister  hören  noch  nichts.  Wir  können  es
ihnen  nicht  verargen.  Musikalisch  sind  unsere  Dampfpfeifen  nicht,  und  auch  das
            
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