Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

392 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie. 
technischer und wirtschaftlicher Richtung entgegenstellten, siegreich zu überwinden, so 
daß er im Jahre 1809 nach sechsjährigen Erfahrungen seine noch heute hochbedeut 
same Schrift „Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben" veröffentlichen 
und die Ergebnisse seiner Versuche der Kritik unterbreiten, zur Nachahmung auf 
fordern konnte. 
Aber die Ungunst der Zeiten, der Druck der französischen Fremdherrschaft lähmte 
naturgemäß die Unternehmungslust, hinderte die Regierungen an wirksamer Pflege 
des jungen Keimes, und die Pflanze verdarb, die wenigen Fabriken gingen zugrunde, 
und erst Ende der zwanziger Jahre ward in Deutschland wie in Österreich der erneute 
und diesmal dauernd erfolgreiche Versuch begonnen, eine eigene Rohzuckerindustrie 
zu schaffen. 
Das damals weltbeherrfchende Frankreich hatte unter dem Schutze seines 
allmächtigen Kaisers den deutschen Gedanken aufgenommen und eine Reihe von 
Fabriken begründet, die unter dem Einfluß der Kontinentalsperre eine Zeitlang 
fröhlich gediehen, dann siechten, aber nicht zugrunde gingen und schließlich nach 
mannigfaltigen technischen Verbesserungen sich als dauernd lebensfähig erwiesen, so 
daß Ende des dritten Jahrzehntes bereits 58 Fabriken im Betriebe waren. Auch 
Rußland hatte schon zu einer Zeit, ehe Deutschland seinen zweiten Versuch unter 
nahm, über eine stattliche Zahl von Fabriken zu verfügen; aber den Franzosen ge 
bührt das Verdienst, daß sie die deutsche Erfindung großgezogen und konkurrenzfähig 
gemacht haben. 
Heute ist Deutschland das erste Zuckerland der Welt, das den meisten 
Zucker für den Weltmarkt erzeugt, und das sich gleichmäßig rühmen darf, die Zucht 
der Rüben und die technische Verarbeitung derselben zu einer bisher nicht erreichten 
Vollkommenheit gebracht zu haben. Aus den kleinen Zuckerkochereien, die wenige 
Zentner minderwertige Rüben in unvollkommener Weife verarbeiteten, sind heute 
großartige Fabrikanlagen geworden, die bestes Rohmaterial in immer besserer Weise 
verarbeiten und Quantitäten von billigem Zucker auf den Markt bringen, die es er 
möglichen, daß dieses Genußmittel in immer wachsendem Umfange auch von den 
ärmeren Elementen der Bevölkerung verbraucht werden kann. 
Der Rübenbau ist für weite Teile Deutschlands wie des Auslandes eine Quelle 
des Wohlstandes geworden. Die sorgsame Pflege, welche die Rübe erforderte, zwang 
zu immer intensiverer Kultur, und die Erträge der Fabriken boten dem Landwirt die 
Mittel dazu, tiefer zu pflügen und in künstlichen Düngemitteln vollen Ersatz der ent 
nommenen Pflanzennährstoffe dem Boden zuzuführen. Die Massen von Fabrikations 
rückständen lieferten reichhaltiges Viehfutter und zwangen zur Stallfütterung. Be 
seitigung der Brache und Weide, rationelle Viehhaltung und Ackerkultur sind die 
notwendigen Begleiter des einziehenden Rübenbaues, und höhere Roherträge an 
Körnern und tierischen Erzeugnissen sind neben den für den einzelnen wichtigen 
wachsenden Reinerträgen die volkswirtschaftlichen Segnungen der neuen Kultur. 
Darum haben die Regierungen allenthalben ihre schützende Hand über diese neu 
aufkeimende Industrie gehalten, und wo irgend Boden und Klima geeignet sind, hat 
man sie durch Schutzzölle und Prämien großzuziehen versucht. Je mehr sich die 
Erkenntnis Bahn bricht, daß der Anbau der Zuckerrübe kein Monopol eng begrenzter 
Landstriche ist, sondern daß sie weit nach Norden hinauf und nach Süden hinunter 
gleichfalls mit Vorteil angebaut werden kann, umsomehr bemühen sich gegenwärtig 
die Regierungen der verschiedensten Länder, dieses nutzbringende landwirtschaftliche 
Nebengewerbe großzuziehen. 
Während man noch vor dreißig Jahren seitens der Agrikulturchemie den Rüben 
bau in Nord- und Ostdeutschland für unmöglich hielt und an ein weiteres Vordringen 
nach Norden ebensowenig wie daran dachte, daß selbst unter subtropischer Sonne
	        
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