Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

400 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie. 
frühen Morgen bis zum späten Abend arbeitete, war den Bewohnern unserer Stadt 
in den letzten Jahrhunderten wohlbekannt. 
Heute freilich ist dieser Klang fast verklungen, nur wenige Handwebstühle sind 
noch im Stadtgebiete vorhanden, immer kleiner wird die Zunft der Weber, die früher 
im Leben unserer Stadt eine bedeutsame Rolle gespielt und sich um das Wohl derselben 
manches Verdienst erworben hat. 
Um so mächtiger und bedeutsamer ist die Weberei in der Industrie neu empor 
geblüht. Die Einführung des mechanischen Webstuhles aus England und der Jac 
quardmaschine aus Wien bezw. Frankreich in der ersten Hälfte des vorigen Jahr 
hunderts leiteten diese Umwälzung ein. 
Immer vollkommener wurden die Webstühle nebst ihren Hilfsmaschinen, immer 
mehr zeigte sich das moderne Bestreben, die Fabrikation zu konzentrieren, zu verein 
fachen, um dem scharfen Wettbewerb im In- und Ausland gewachsen zu sein. 
Während früher die Tuch- und Kattunweberei in Chemnitz vorherrschte, 
wurden im Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich Kleiderstoffe von 
einer Reihe angesehener Firmen angefertigt. 
Wohl fast alle Chemnitzer Firmen, die 60 Jahre und länger bestehen, haben im 
Anfang auch diesen Zweig der Fabrikation betrieben. Aber während sich diese In 
dustrie mehr nach den Nachbarstädten Glauchau und Meerane verzog, entstand in 
Chemnitz die Möbelstoffindustrie, die sich aus bescheidenem Umfange zu ihrer jetzigen 
Blüte emporgeschwungen hat. 
Mit den Kleiderdamasten fing man an, Wolldamaste für Möbel zu weben, 
dazu kamen die glatten Ripse, Granits und Kreppe und dann in langer Reihe die 
gemusterten Phantasiestoffe, die Leinen- und Baumwollplüsche, Moquettes, Tisch- und 
Divandecken, Portieren und Vorhänge aller Art, so daß es z. Zt. nur wenige Stoffe 
für Innendekoration geben dürfte, die nicht auch in Chemnitz hergestellt werden. 
Heute ist die Chemnitzer Möbelstoffindustrie, der ca. 30—40 Firmen angehören, 
die bedeutendste ihrer Art in Deutschland und hat ihren Absatz nach allen Teilen 
der Welt, wenn auch mit vielen Kosten und Mühen, immer behauptet. 
Die Chemnitzer Fabriken dieser Branche, die teils kurze Zeit, teils länger als 
75 Jahre bestehen, haben es stets verstanden, sich die Errungenschaften der Technik 
und jede neue Erfindung insbesondere auf dem Gebiete des Webstuhles und der 
Webereitechnik nutzbar zu machen. Sie wurden dabei durch die einen Weltruf 
genießenden in Chemnitz ansässigen großen Fabriken des Webstuhlbaues und der 
Hilfsmaschinen unterstützt. So finden wir heute in Chemnitz neben dem schnellen 
einschüssigen, sog. englischen Stuhl den in dem letzten Jahrzehnt wesentlich verbesserten 
mehrschiffigen Kurbelstuhl, den Doppelplüschwebstuhl, der in 8 Tagen doppelt so viel 
Waren schafft als der Handweber früher in 4 Wochen, die komplizierten Doppel- 
moquette- und Rutenmoquettestühle neben den modernsten Vorbereitungs- und 
Appreturmaschinen. 
Es gibt wohl keine Textilfaser, die nicht in dieser Industrie Verwendung findet: 
Seide, Wolle, Baumwolle, Leinen, Jute, Ramie in allen ihren Abarten, Gold- und 
Silbergespinste, sowie Kunstgespinste verschiedenster Art werden benutzt. Diese 
Materialien werden gefärbt verarbeitet oder roh verwebt und dann im Stück gefärbt. 
Eine fleißige, tüchtige und geschulte Beamten- und Arbeiterschaft hat auch nicht 
geringen Anteil an der guten Ausführung und dem Ruf der Chemnitzer Weberei 
erzeugnisse, ebenso wie die stattliche Anzahl tüchtiger, künstlerisch gebildeter Zeichner, 
die in Musterzeichenateliers der Webereifirmen, auf eigene Rechnung allein oder mit 
Gehilfen arbeiten und jene Fülle von neuen Motiven schaffen, die wir in den mo 
dernen Stoffen für Wohnungsausstattung finden, und die den leisesten Regungen der 
oft wechselnden Mode folgen.
	        
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