Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

10. Diel,Chemnitzer Textilindustrie. 
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Daß die Fabrikanten nicht sparen, um in künstlerischer Beziehung auf der Höhe 
zu stehen, möge der Umstand beweisen, daß man die bedeutendsten Kunstgewerbler 
Deutschlands, die Dresdner, Münchner, Darmstädter, Weimarer, Wiener Schule 
u. a., zur Mitarbeit heranzog. Aber auch in den historischen Stilarten, in deren 
Kenntnis und Empfindung die romanischen Völker uns vorauswaren, wird jetzt Vor 
zügliches geleistet und den französischen Erzeugnissen gegenüber, die früher immer 
als besser galten und in manchen Kreisen noch jetzt als besser angesehen werden, 
Ebenbürtiges erzeugt. 
Außer der Möbelstoff- und Deckenweberei in Chemnitz, die noch in der näheren 
und weiteren Umgebung der Stadt Hunderte von Handstühlen — hauptsächlich für 
Portieren und Decken — beschäftigt, befinden sich auch sehr bedeutende Fabriken für 
Schirmstoffe und solche für Moreens-Unterrockstoffe und Genoacords u. a. in Chemnitz. 
Auch diese Zweige der Weberei stehen in erfreulicher Blüte und erfreulichem 
Aufschwung dank der rastlosen Arbeit, des regen Fleißes, des offenen Blickes für die 
Forderungen und Neuerungen der Gegenwart und steter Sorgfalt und Genauigkeit 
in der Ausführung der Erzeugnisse, Eigenschaften, die die Chemnitzer Industrie von 
jeher ausgezeichnet haben. 
c. D üe Wirkerei. Von Ernst Roitzsch. 
Die Wirkerei des Chemnitzer Bezirks blickt auf ein nahezu 250jähriges Bestehen 
zurück. Die erste Erwähnung von in Chemnitz ansässigen Strumpfwirkern datiert aus 
dem Jahre 1671, und schon knapp zwei Jahrzehnte später, 1689, sind die Strumpf 
wirker in Chemnitz zunftmäßig organisiert. Bedeutsam für die Entwickelung des In 
dustriezweiges war die 1685 erfolgte Aufhebung des Ediktes von Nantes. Thomas 
Lee, ein ehemaliger Studierender der Theologie in Cambridge, der 1589 in Calverton 
bei Nottingham den ersten Wirkstuhl baute, hatte wie so mancher andere Erfinder vor 
und nach ihm in seiner Heimat ein verständnisvolles Eingehen auf seine Projekte nicht 
gefunden und war Anfang des 17. Jahrhunderts, einer Einladung Heinrichs IV. Folge 
gebend, nach Frankreich übergesiedelt, wo alsbald Wirkstuhlbau und Wirkerei sich in be 
achtlicher Weise entfalteten. Die in dem aufblühenden Erwerbszweige beschäftigten Per 
sonen waren zumeist Protestanten, und die schwere Zeit, welche die Aufhebung des 
Ediktes von Nantes für diese mit sich brachte, veranlaßte viele Wirker zur Flucht nach 
Deutschland, wo sie hauptsächlich in Württemberg, Thüringen und Sachsen neue 
Heimstätten fanden. Anfang des 18. Jahrhunderts — das genaue Jahr steht nicht 
fest — baute Johann Georg Esche (geb. 1682, gest. 1752) den ersten Wirkstuhl in 
Sachsen. Er errichtete in Limbach eine Seidenwirkerei, und 1745 ist urkundlich belegt, 
daß eine unter seiner Direktion stehende „Fabrique" sich einer günstigen Entwickelung 
erfreute. 
Wichtige Ereignisse brachten die ersten Jahre des dritten Jahrzehntes des 
19. Jahrhunderts, da um diese Zeit zum ersten Male Bestrebungen sich zeigten, die 
Erzeugnisse der sächsischen Wirkerei zu exportieren, und alsbald traten auch die Ver 
einigten Staaten von Amerika, deren Aufnahmefähigkeit für sächsische Wirkwaren 
seit dieser Zeit von ausschlaggebendem Einfluß auf die Prosperität der Branche ge 
blieben ist, als Abnehmer auf. Die Dampfkraft wurde von 1851 an im Chemnitzer 
Bezirk zum Antrieb von Wirkmaschinen verwendet, und wenige Jahre später, 1854, 
>st die Gründung des ersten fabrikmäßigen Wirkereibetriebs in der Stadt Chemnitz 
Zu verzeichnen. Bis 1854 haben die größeren Chemnitzer Firmen der Wirkbranche 
in der Hauptsache nur Handelsgeschäfte betrieben. Die Erzeugung der Waren lag 
— wenigstens in der Stadt Chemnitz selbst — bis dahin ausschließlich in den Händen 
von Handwerkern, deren Zahl sehr groß war, zählte doch die Chemnitzer Innung der 
Strumpfwirker 1802 nicht weniger als 1000 Mitglieder, 1820 sogar etwa 2500; dabei 
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 26
	        
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