Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

402  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.

ist  allerdings  zu  berücksichtigen,  daß  der  Bezirk  der  Innung  über  die  Stadtgrenze
von  Chemnitz  hinausreichte.  Die  Konzessionsurkunde,  durch  welche  der  Rat  der  Stadt
Chemnitz  dem  Kaufmann  Karl  Gottlob  Hitler  die  Errichtung  der  ersten  Strumpfwarenfabrik ­
  gestattete,  datiert  vom  4.  September  1854.
Das  Jahr  1861  brachte  die  Erfindung  des  Pagetstuhls,  1868  die  des  Cottonstuhls. ­
  Die  mehr  und  mehr  wachsende  Nachfrage  nach  gewirkten  Strümpfen  und
Handschuhen,  seit  Ende  der  siebziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  —  der  Zeit  des
Auftretens  von  Professor  Jäger  —  auch  nach  gewirkten  Unterkleidern,  die  steigende
Kompliziertheit  und  Kostspieligkeit  der  Maschinen,  der  immer  größer  werdende  Bedarf
an  motorischer  Kraft  bedingte  den  unaufhaltsamen  Übergang  vom  Handwerk  zum
Fabrilbetlieb.  Auch  die  Faktoren  —  das  Wort  im  strengen  Sinne  genommen  —,
welche  in  der  Übergangszeit  eine  nicht  zu  unterschätzende  Rolle  spielten,  indem  sie
die  kostspieligen  Maschinen  anschafften,  an  Hausgewerbetreibende  vermieteten  und
von  diesen  dann  die  fertigen  Waren  übernahmen,  waren  eine  vorübergehende  Erscheinung. ­
  Die  Verhältnisse  drängten  zur  Konzentration  im  „geschlossenen  Etablissement",
wie  die  oben  erwähnte  Urkunde  sagt.  Die  Tendenz  der  Entwicklung  ist  heute  in  allen
drei  Zweigen  der  Wirkerei,  in  der  Strumpfbranche  sowohl  wie  in  der  Handschuh-  und
Trikotagenbranche,  auf  den  Großbetrieb  gerichtet.  Die  Schwierigkeit  der  Konkurrenzverhältnisse ­
  verlangt  die  Wahrnehmung  aller  und  jeder,  auch  der  kleinsten  sich
bietenden  Fabrikationsvorteile  und  die  rationellste  Ausnutzung  der  aufgestellten
Maschinen,  und  diesen  Anforderungen  Rechnung  zu  tragen,  wird  desto  schwieriger,
je  kleiner  der  einzelne  Betrieb  ist.
Von  der  großen  Wichtigkeit,  welche  die  Wirkerei  für  den  Chemnitzer  Bezirk  hat,
legt  es  Zeugnis  ab,  daß  bereits  1893  nicht  weniger  als  12000  mechanische  Wirkstühle
und  Strickmaschinen  neben  3000  Handstühlen  vorhanden  waren,  deren  Gesamtproduktion ­
  auf  täglich  ca.  50  000  Dutzend  Strümpfe,  15  000  Dutzend  Handschuhe  und
3000  Dutzend  Hosen  und  Jacken  usw.  im  Werte  von  rund  100  Millionen  M  im  Jahre
geschätzt  wurde.  1897  exportierte  Chemnitz  an  Wirkwaren  die  enorme  Menge  von
128  551  Doppelzentnern  im  Werte  von  etwa  87  141000  <M.  Daran  war  Nordamerika
mit  45  231,  England  mit  22  060  Doppelzentnern  beteiligt,  es  folgten  mit  niedrigeren
Ziffern  Holland,  Indien,  Chile,  Belgien,  Türkei,  Brasilien,  Australien  usw.  usw.  Der
Export  ist  seitdem  wesentlich  in  die  Höhe  gegangen.  Für  sein  Anwachsen  sind  die
Wertziffern  der  Ausfuhr  nach  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  sehr  bezeichnend.
Die  baumwollenen,  seidenen  und  wollenen  Handschuhe,  Strumpfwaren  und  Unterkleider, ­
  welche  aus  dem  Konsulatsbezirk  Chemnitz  nach  der  Union  verfrachtet  wurden,
repräsentierten  folgende  Werte:
1901:  5  590  305  Dollars,
1905:  7  566  364  -  ,
1907:  12  633  369  -  .
1907  war  ein  Rekordjahr,  dem  leider  ein  jäher,  höchst  bedauerlicher  Rückschlag
folgte.  Die  Ziffern  für  die  folgenden  Jahre  lauten:
1908:  8  747  204  Dollars,
1909:  8  501627  -  ,
1910:  6  956  933  -
Ein  Bild  von  der  eminenten  volkswirtschaftlichen  Bedeutung  der  Wirkerei  ergibt
sich  aus  folgenden  Zahlen:
Die  Sächsische  Textilberufsgenossenschaft  wies  in  ihren  Statistiken  für  das  Jahr
1907  insgesamt  256  889  Personen  nach.  Davon  war  knapp  ein  Fünftel  in
der  sächsischen  Wirkwarenindustrie  beschäftigt,  und  die  etwa  50  000  in  Betracht
kommenden  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  haben  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  ihren
Wohnsitz  in  Chemnitz,  in  seiner  näheren  und  weiteren  Umgebung.  Dabei  sind  die  in
            
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