11. Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlandes. 405
weiß, umsomehr wird sich die Industrie ihren Ausgaben gewachsen zeigen. Ein
Blick in ein gut ausgestattetes Musterzimmer lehrt, daß Sonneberg sich dieser Aufgabe
bewußt ist; unter den tausenderlei Dingen wird man erklärlicherweise immer wieder
alten Bekannten, die auf den Märkten sich gut eingeführt haben und nicht vermißt
werden wollen, begegnen, von Saison zu Saison aber ist das erhöhte Bestreben zu be
merken, sei es unter Verwertung politischer Begebenheiten, wissenschaftlicher Errungen
schaften oder sensationeller Tagesereignisse, Neues, Originelles zu finden und insbe
sondere dem Charakter und dem besonderen Geschmack der einzelnen Märkte Rechnung
zu tragen. Solange die Industrie von diesem Streben nach Fortschritt und Vervoll
kommnung sich leiten läßt, wird sie zwar wirtschaftlichen Rückschlägen nicht vollständig
zu entgehen, aber doch schwierigen Zeiten gegenüber sich widerstandsfähiger zu
behaupten vermögen."
Ein eindrucksvolles Bild der Leistungsfähigkeit der Sonneberger Spielwaren
industrie wurde auf den verschiedenen Weltausstellungen, so in Chikago 1893, in
Paris 1900, in St. Louis 1904 und in Brüssel 1910 geliefert; die Industrie war bei
allen diesen Ausstellungen in Gestalt von Kollektivgruppen vertreten und wurde stets
mit dem Großen Preis ausgezeichnet.
Die Sonneberger Spielwarenindustrie umfaßt heute 30—40 Orte des Meininger
Oberlandes, auch das benachbarte sachfen-koburgische Neustadt ist industriell mit
diesem Gebiete verwachsen. Von der über 70 000 Personen betragenden Bevölkerung
des Kreises Sonneberg gehört etwa der dritte Teil zur Spielwarenindustrie; die in ihr
im Nebenberuf Beschäftigten sind dabei nicht in Rücksicht gezogen. Genauer wurde
die Industrie in ihrer Bedeutung, namentlich auch in ihrem Personenbestand, durch
die Reichsproduktionsstatistik des Jahres 1899 erfaßt. Darnach ergab sich folgendes:
Die Zahl der selbständigen Betriebe, wobei die kleineren, hausindustriellen Be
triebe eingeschlossen sind, beträgt 2395; der Gesamteinkaufswert der verbrauchten
Rohstoffe und Vorprodukte beziffert sich auf 8 407 763 Ji, wobei entfallen auf:
Ji
Gewebe und alle Textilprodukte (außer Mohair) 1464 517
Mohair . . 463 303
Farben, Öle, Firnisse, Leim, Lack, Wachs, Paraffin, Äther 633 979
Leder, Felle, Borsten 571 770
Metalle und Gegenstände daraus 485168
Holz 1025 423
Rohr, Bast, Loofah 23 483
Glas und keramische Produkte, Gips, Tonerde, Porzellan 1 929 696
Spieldosen und mechanische Triebwerke 77 207
Papier und Pappe zur Fabrikation 881 643
Packmaterial 573 429
Die Zahl der in der Industrie beschäftigten Personen beläuft sich auf 5480
Männer, 5108 Frauen und Mädchen und 1172 Kinder, insgesamt auf 11 760 Per
sonen ohne Angehörige und Dienende, wobei die Bezirke Neustadt und Eisfeld,
welche in der Regel und mit Recht zum Jndustriebezirke Sonneberg gerechnet werden,
nicht eingeschlossen sind. Heute darf mit Sicherheit angenommen werden, daß im
Gesamtindustriegebiet, d. h. in Sonneberg und etwa 30 umliegenden Ortschaften
an 40 000 Personen, im Kreise selbst die volle Hälfte der Bevölkerung wirtschaftlich
direkt von der Spielwarenindustrie abhängig sind.
Ferner wies die Produktionsstatistik einen — inzwischen übrigens erheblich
überholten — Verkaufswert der Iahreserzeugung von Spielwaren im Sonneberger
Bezirk von über 21 Millionen Ji nach, wovon nur etwas über 4 Millionen Ji zum
inländischen Gebrauch gelangten. Man geht wohl nicht fehl, die Produktion des