406 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie.
Sonneberger Bezirks auf 25—28 Millionen M zu bewerten; Neustadt ist dabei nicht
mit inbegriffen. Berücksichtigt man weiter Eisfeld (wo u. a. fabrik- und haus
industriell Holzpferde, Schafe, Ziegen, Esel usw. hergestellt werden) und dessen Hinter
land, so darf die gegenwärtige Spielwarenproduktion im Herzogtum auf reichliche
40 Millionen Jl, d. h. auf etwa 2 ,s der deutschen Gesamt-Spielwarenerzeugung be
wertet werden. Die Spielwarenindustrie steht damit unter den Industrien des Her
zogtums weit obenan. Von dem gesamten Produktionswert verbleiben 20—25 %
im Inland, für das Gros überschreitet der Handel die Grenzen, und er greift selbst
in die entferntesten Erdräume über, soweit nicht Zoll- und andere Schwierigkeiten
den Eingang verwehren. Die weitaus belangreichsten Abnehmer sind die Ver
einigten Staaten Amerikas, England und feine Kolonien.
12. Die Schwarzwälder Uhrenindustrie.
Von Eberhard Gothein.
Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes und der angrenzenden Landschaften.
1. Bd. Straßburg, Karl I. Trübner, 1892. S. 55—58.
Von ihren Wanderungen brachten die Glasträgerkompagnien mancherlei neue
Waren heim, die der bäuerliche Gewerbfleiß herstellen, und die sie selber vertreiben
konnten: die Strohhüte, die Blechlöffel, die Holzuhren. Und diese letzteren gaben den
Anstoß zu einer höchst mannigfaltigen Jndustrieentwicklung. Mit gewandter Hand
schnitzte der Bauer die Bestandteile der Uhr nach; er vereinfachte sie seinem Zweck
gemäß, er brachte Verbesserungen an, er wußte eine Menge Dekorationen zu erfinden.
Die Freude am Seltsamen, die Lust, Rätsel aufzugeben und zu lösen, führt ihm dabei
die Hand; und deshalb zeigt sich sein Scharfsinn am glänzendsten in den Erfindungen
von Automaten und Spieluhren.
Eben weil der Uhrenmacher, mit einem starken Selbstgefühl ausgerüstet, durch
weg als mechanischer Künstler arbeiten will, bleibt die Arbeitsteilung unvollkommen,
und zu jener Exaktheit der Technik, wie sie die Taschenuhr erfordert, dringt man hier,
wo sich niemand einem gemeinsamen Arbeitsplan unterordnen will, auch niemals
durch. Die Arbeitsteilung besteht nur in der Absonderung der künstlerischen und tech
nischen Hilfsgewerbe. Bei ihrer Ausbildung geben Scharfsinn und Talent der
Schwarzwälder, aber ebenso auch ihre ganze individualistische Gesinnung wiederum
die deutlichsten, oft glänzenden Proben. Wirtschaftlich aber wird hierdurch erreicht,
daß sich die Schwarzwälder Uhrenindustrie nach und nach auch in bezug ihrer
Materialien von auswärtigen Plätzen wie Nürnberg völlig freimacht.
Die ersten Uhrenmacher erhielten Anregung und Beispiel vor allem vom Aus
land; sie lauschten Fremden den Mechanismus der Werke und die Verwendung der
Instrumente ab und bildeten das richtig erfaßte Prinzip aus. Bald fanden sie die
unentbehrliche wissenschaftliche Unterstützung und künstlerische Belehrung in der
Heimat selber. Die Benediktiner der Schwarzwaldklöster erwarben sich in dieser
Hinsicht die größten Verdienste um ihre Landsleute. Sie brachten ihnen mit mathe
matischen und musikalischen Kenntnissen auch die aufrichtigste Bewunderung entgegen.
Der Abt von St. Peter, Ph. Steyrer, ist der erste Geschichtschreiber der Schwarzwald
industrie geworden; und er faßte seine Aufgabe dahin auf, der Verkündiger des
Ruhmes der Erfindungsgabe seiner Landsleute zu fein.
Der Lebensnerv dieser Industrie blieb aber immer der Handel. Mit richtigem
Gefühl hatten das die Schwarzwälder erfaßt. Sie arbeiteten nicht für den fremden
Kaufmann, sondern sie verstanden es, die Absatzwege selber aufzusuchen und zu