Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

440 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik I. Weltwirtschaft. 
flechtung in den unübersichtlichen und Kriegsstörungen ausgesetzten Weltmarkt nun 
mehr zur Folge hatte. 
Diese Bedingungen waren mit der Aufrechthaltung der alten gewerblichen 
Ordnung nicht zu vereinen. 
Da war vor allem das Bedürfnis nach billiger Arbeit, — daher nun die 
Massenbeschäftigung von Lehrlingen und die Beschäftigung von Frauen, alles Dinge, 
welche die alte gewerbliche Ordnung verboten hatte. Je größer ferner die im Ge 
werbe steckenden Kapitalien, desto größer das Bedürfnis, durch Arbeitsentlassungen 
das Risiko auf andere Schultern abzuwälzen, — daher Wegfall der langen Ver 
dingungstermine, ja sogar Mißbräuche der schlimmsten Art. 
Die Folge ist: Die alte gewerbliche Ordnung wird gesprengt, und zwar durch 
Angehörige der Zünfte selbst, durch die großen Arbeitgeber, welche an Orten, an 
denen die alte Gewerbeordnung nicht gilt, neue Betriebe ins Leben rufen. 
Dies der Ursprung der Manufaktur in England, am Anfang des 16., vielleicht 
schon am Ausgang des 15. Jahrhunderts, und ihrer erstaunlich raschen Ausbreitung; 
dies auch der Ursprung der Hausmanufaktur in den vereinzelten Fällen, in denen sie 
schon im 16. Jahrhundert in Deutschland sich findet. 
Daher ferner bei weiterer Steigerung der Konkurrenz das fieberhafte Streben 
derjenigen, welche der Industrie nahestehen, durch Erfindungen die Produktionskosten 
zu mindern, also daher der Ursprung aller jener Erfindungen der Hargreaves, 
Arkwright und Cartwright. 
Die Ursache der Umgestaltung ist also eine rein wirtschaftliche. Die technische 
Umgestaltung und die Änderung des Gewerberechts find erst Folgen der früheren 
wirtschaftlichen Änderung und nicht umgekehrt; und zwar liegt diese wirtschaftliche 
Ursache auf dem Gebiete der Handelspolitik, in der Entstehung einer Weltwirtschaft 
und dem Eintritt der einzelnen Industriezweige in den Wettstreit um den Vorrang 
auf dem Markt dieser Weltwirtschaft. Wenn einmal die Entstehungsgeschichte des 
Weltmarktes geschrieben werden wird, wird sie darzulegen haben, wie in jedem ein 
zelnen Industriezweige die erörterten Veränderungen in der gewerblichen Ordnung 
eintraten in dem Maße, in dem er in den Weltverkehr verflochten wurde. 
Dieselbe Änderung in den Absatzverhältnissen aber, welche in England die Ent 
stehung der Manufaktur hervorrief, führte in Deutschland in der Mehrzahl von Fällen 
zur wachsenden Sperrung, bis zur völligen Schließung der Zünfte und zur weiteren 
Ausbildung des kapitalistischen Charakters des Handwerks. Der Verlust der Handels 
privilegien im Ausland nahm dem deutschen Gewerbe einen Teil seines Absatzes nach 
außen, den anderen nahm ihm die Veränderung im Gang des Welthandels infolge 
der Entdeckung Amerikas und des ostindischen Seewegs. Dabei fehlte in Deutschland 
eine nationale Zentralgewalt, welche für anderweitigen Ersatz zu sorgen imstande 
war, und statt dieses noch der Verfall infolge der inneren Kriege. Da suchten die 
beati possidentes der zurückgehenden Städte durch die obenerwähnten Zunftmaß- 
regeln sich wenigstens den lokalen Markt zu erhalten. Also da, wo die Entwicklung 
der englischen entgegengesetzt war, erklärt sich dies aufs einfachste aus den entgegen 
gesetzten Absatzverhältnissen. 
Wozu aber diese Korrektur weitverbreiteter Anschauungen? Etwa aus anti 
quarischer Rechthaberei? Eine solche wäre hier übel angebracht. Vielmehr ist die 
Verflechtung der Industrie in den Weltmarkt, die wir als die erste Ursache der 
heutigen sozialen Not erkannt haben, nicht nur die erste, sondern auch die letzte Ur 
sache derselben. Nicht nur, daß mit Notwendigkeit mit ihr das rastlose Streben nach 
Minderung der Produktionskosten begann, nicht nur, daß damit die Absatzstockungen 
anfingen mit ihrem Gefolge von Kapitalzerstörung und Arbeitslosigkeit, nicht nur, 
daß mit ihr der Zusammenbruch der alten gewerblichen Ordnung ganz unvermeidlich
	        
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