Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Die  Gefahren  des  Industriestaates.

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diejenige  Bahn  ein,  die  man  als  die  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  anzusehen  gewöhnt
ist;  es  wurde  zunächst  zweiarmig  und  schritt  dann  dazu  fort,  seinen  alten  Arm  verkümmern ­
  zu  lassen.  Und  wie  auf  Kommando  folgten  die  andern  Staaten  in  dieser
Selbstverstümm  elungsprozedur  mit.
Indes  das  Bild  ist  in  einer  Beziehung  irreführend,  das  List  damals  brauchte.
Die  beiden  Arme,  der  landwirtschaftliche  und  der  industrielle,  sind  nicht  gleichwertig,
sondern  der  landwirtschaftliche,  der  jetzt  verkümmernde,  ist  der  unendlich  wichtigere  und
unentbehrlichere;  ohne  Industrie  kann  man  leben,  aber  nicht  ohne  Nahrungsmittel.
Machen  wir  auch  das  uns  anschaulich.  Wenn  man  eine  Nation  für  sich  isoliert  ins
Auge  faßt,  aus  der  Weltwirtschaft  herausgelöst,  so  ist  es  klar,  daß  sie  in  erster  Linie
Landwirtschaft  treiben  muß,  um  zu  leben.  Ist  die  Landwirtschaft  so  ergiebig,  daß  die
landwirtschaftliche  Bevölkerung  über  ihren  eignen  Nahrungsbedarf  hinaus  noch  einen
Uberschuß  von  Nahrung  gewinnt,  so  kann  von  diesem  Uberschuß  eine  industrielle  Bevölkerung ­
  im  Lande  ernährt  werden,  die  mit  ihren  Fabrikaten  die  für  sie  disponiblen
Nahrungsmittel  kauft.  Die  Größe  der  Jndustriebevölkerung,  die  eine  solche  isolierte
Nation  ernähren  kann,  wird  also  genau  bestimmt  durch  den  Uberschuß  an  Nahrung,
den  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung  über  ihren  eigenen  Bedarf  hinaus  dem  vaterländischen ­
  Boden  abzugewinnen  imstande  ist.  Wenn  eine  Landbevölkerung  von  30
Millionen  Nahrung  für  50  Millionen  produziert,  so  können  20  Millionen  von  Industrie
und  sonstigen  Berussarten  leben.  Die  Volkswirtschaft  ist  verglichen  worden  einem
Etagenbau:  das  starke  Erdgeschoß  ist  die  Landwirtschaft  und  trägt  den  industriellen
Überbau,  die  obere  Etage,  auf  seinen  Schultern.  Solange  noch  unbebauter  Boden
verfügbar  ist,  kann  das  Erdgeschoß  ausgebaut  werden  bis  an  die  Landesgrenze,  und
das  verbreiterte  Erdgeschoß  kann  eine  entsprechend  verbreiterte  industrielle  Etage
tragen.
Weiter  als  der  landwirtschaftliche  Unterbau  reicht,  kann  aber  die  industrielle
Etage  natürlich  nicht  fortgesetzt  werden,  —  es  sei  denn,  daß  ihre  Bewohnerschaft  von
ausländischer  Nahrung  lebt  und  ihre  Fabrikate  gegen  diese  ausländische  Nahrung
eintauscht,  also  Exportindustrie  wird,  die  für  das  Ausland  arbeitet  und  vom  Auslande ­
  lebt.  Das  industrielle  Stockwerk  wächst  dann  seitlich  weiter  in  die  Luft  hinaus ­
  und  über  die  Landesgrenze  hinaus,  über  fremden  Boden  hin,  künstlich
gestützt  auf  die  Pfeiler  des  auswärtigen  Handels,  die  auf  fremdem  Grund  und  Boden
ruhen,  von  dem  es  seine  Nahrung  bezieht.  Mit  dem  Augenblick,  wo  eine  solche  Exportindustrie ­
  ansetzt  und  also  die  Entwicklung  zum  Industriestaat  beginnt,  verschiebt  sich
der  Schwerpunkt  des  volkswirtschaftlichen  Körpers  nach  außen;  mit  Hilfe  der  künstlichen ­
  Pfeiler  kann  er  zwar  sich  halten,  aber  diese  Pfeiler  aus  fremdem  Boden  stehen
nur  so  lange,  als  der  Eigentümer  des  fremden  Bodens  sie  stehen  läßt.  Wenn  er  eines
Tages  den  Boden  selbst  benutzen  will,  so  stürzt  mit  den  Pfeilern  der  überragende
Ctagenbau  zusammen.  Wenn  wir  eine  Exportindustrie  von  5  Millionen  Menschen
gründen,  die  von  amerikanischem  Getreideüberschuß  lebt,  so  sind  diese  5  Millionen
Menschen  mit  ihrer  künftigen  Existenz  darauf  angewiesen,  daß  das  amerikanische  Getreide ­
  dauernd  überschüssig  und,  speziell  für  sie,  im  Austausch  mit  ihren  Fabrikaten
verfügbar  sei.  Alle  Exportindustrie  ist  ihrer  Natur  nach  prekär,  und  in  diesen  immer
prekäreren  Zustand  treibt  der  Industriestaat  hinein.
Solange  die  Exportindustrie  klein  ist,  hat  das  nicht  viel  zu  sagen.  Wenn  sie
aber  von  Jahr  zu  Jahr  um  sich  greift  und,  wie  in  England,  die  große  Mehrzahl  der
Bevölkerung  umfaßt,  so  steht  die  ganze  Volkswirtschaft  auf  Stützen,  und  der  Zusammenbruch
  dieser  Stützen  wäre  das  Ende  der  Nation.  Entwicklung  zum  Industriestaat
heißt  Abhängigkeit  vom  Ausland,  und  Volkswirtschaft  auf  eigener  Nahrungsbasis
heißt  Unabhängigkeit.  Eine  Nation  darf  Industriestaat  nur  werden,  wenn  sie  der
Dauer  ihres  auswärtigen  Handels  sicher  ist.

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