Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Die  politischen  Wirkungen  des  Zollvereins.

495

Hessen  an  die  preußischen  Fahnen  gebunden."  Desgleichen  Dahlmann,  der  nach  seiner
großen  und  tiefen  Art  den  Zollverein  sofort  als  das  einzige  deutsche  Gelingen  seit
den  Befreiungskriegen  begrüßte,  erklärte  zuversichtlich,  der  Handelsbund  stelle  uns
sicher  vor  die  Wiederkehr  bürgerlicher  Kriege.  Auch  diese  Weissagungen  sind  nicht
buchstäblich  eingetroffen.  Der  Zollverein  hat  die  oberdeutschen  Staaten  nicht  verhindert, ­
  die  Waffen  zu  ergreifen  gegen  Preußen.  Und  dennoch  sollte  gerade  das
Jahr  1866  die  gewaltige  Lebenskraft  dieses  handelspolitischen  Bundes  erproben.  Der
rasche  Siegeszug  der  preußischen  Fahnen  überhob  unseren  Staat  der  Mühe,  seine
wuchtigste  Waffe  zu  schwingen,  durch  die  Aufhebung  der  Zollgemeinschaft  die  oberdeutschen ­
  Höfe  zu  bekehren.  Auch  beim  Friedensschlüsse  hielt  Preußen,  den  Rat  erbitterter ­
  Heißsporne  vornehm  verschmähend,  den  Handelsbund  aufrecht;  und  nur  weil
sie  der  Gemeinschaft  des  Erwerbes  nicht  entbehren  konnten,  schlossen  die  Höfe  von
München  und  Stuttgart  die  Gemeinschaft  der  Waffen  mit  dem  Norddeutschen  Bunde.
Nur  darum  boten  sie  die  Hand  zu  jenen  Schutz-  und  Trutzbündnissen,  denen  wir
die  reinsten  Erinnerungen  unserer  neuen  Geschichte  danken.
Das  Bewußtsein,  daß  man  zueinander  gehöre,  daß  man  sich  nicht  mehr  trennen
könne  von  dem  großen  Vaterlande,  war  durch  die  kleinen  Erfahrungen  jedes  Tages
in  alle  Lebensgewohnheiten  der  Nation  eingedrungen,  und  in  dieser  mittelbaren
politischen  Wirkung  liegt  der  historische  Sinn  des  Zollvereins.  Mochten  die  Schulen
der  Albertiner  und  Welfen  der  Jugend  die  Märchen  des  Stammeshasses  und  der
partikularistifchen  Selbstzufriedenheit  künden,  —  es  ging  doch  zu  Ende  mit  dem
Philistertum  der  alten  Zeit,  das  an  die  Herrlichkeit  der  Kleinstaaten  kindlich  glaubte.
Der  Geschäftsmann  folgte  mit  seinen  Gedanken  den  Warenballen,  die  er  frei  durch  die
deutschen  Länder  sandte;  er  gewöhnte  sich,  wie  schon  längst  der  Gelehrte,  über  die
Grenzen  des  heimischen  Kleinstaates  hinauszublicken;  sein  Auge,  vertraut  mit  großen
Verhältnissen,  sah  mit  ironischer  Gleichgültigkeit  auf  die  Kleinheit  des  engeren  Vaterlandes. ­
  Der  Gedanke  selbst,  daß  die  alten  trennenden  Schranken  jemals  wiederkehren
könnten,  wurde  dem  Volke  fremd;  wer  einmal  in  dem  Handelsbunde  stand,  gehörte
ihm  für  immer.  Als  in  den  vierziger  Jahren  die  Handelsverträge  zwischen  dem
Zollvereine  und  dem  Steuervereine  gekündigt  waren,  beide  Teile  gespannt  und  verstimmt ­
  sich  gegenüberstanden,  da  ist  gleichwohl  niemanden  der  Einsall  gekommen,
die  Grafschaft  Hohenstein,  die  Enklave  Hannovers  im  Zollvereine,  aus  dem  Bunde
auszuscheiden.  Und  wieder,  als  nach  dem  Tage  von  Olmütz  der  Hochmut  Österreichs
den  Gipfel  erstieg,  als  die  deutschen  Kabinette  im  wildesten  Hasse  gegen  Preußen
lärmten,  da  hat  wohl  mancher  kleine  Hof  für  die  frivolen  deutsch-österreichischen  Zollvereinspläne ­
  des  Freiherrn  v.  Bruck  sich  begeistert;  auszutreten  aus  dem  Preußisch-Deutschen
  Bunde  wagte  keiner.  Eine  unerbittliche  Notwendigkeit  stellte  nach  jeder
Krisis  die  alten  Grenzen  des  Zollvereins  wieder  her;  kalte  politische  Köpfe  konnten
stets  mit  mathematischer  Sicherheit  den  Verlauf  des  Streites  im  voraus  berechnen.
Das  Ausland  gab  den  aussichtslosen  Kampf  gegen  unsere  Handelseinheit  bald
auf.  Französische  Staatsmänner  gestanden  achselzuckend:  wir  haben  leider  den
deutschen  Staaten  nichts  zu  bieten,  was  ihnen  die  Vorteile  des  Preußischen  Zollvereins ­
  ersetzen  könnte.  Die  Briten  erhielten  erst  durch  Dr.  Bowrings  Berichte  (1839)
eine  deutlichere  Vorstellung  von  dem  Wesen  des  Zollvereines  und  gewöhnten  sich
fortan,  Preußen  als  den  Vertreter  des  deutschen  Handels  zu  betrachten.  Österreich
chußte  nach  stets  vergeblichen  Störungsversuchen  immer  wieder  dem  Nebenbuhler
freie  Hand  lassen  im  deutschen  Verkehrsleben;  nur  dieser  stillschweigende  Vertrag
Zwischen  den  beiden  Großmächten  sicherte  notdürftig  den  Bestand  des  Deutschen
Bundes.  Dem  Preußischen  Staate  aber  waren  die  Wege  seiner  Handelspolitik  so  fest
und  sicher  vorgezeichnet,  daß  auch  die  Feigheit  sie  nicht  mehr  verlassen  konnte;  dasselbe
Kabinett,  das  sich  in  Olmütz  demütigte,  hat  durch  den  Septembervertrag  die  letzte
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.