Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3. Die politischen Wirkungen des Zollvereins. 
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Hessen an die preußischen Fahnen gebunden." Desgleichen Dahlmann, der nach seiner 
großen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige deutsche Gelingen seit 
den Befreiungskriegen begrüßte, erklärte zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns 
sicher vor die Wiederkehr bürgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht 
buchstäblich eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht ver 
hindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preußen. Und dennoch sollte gerade das 
Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen Bundes erproben. Der 
rasche Siegeszug der preußischen Fahnen überhob unseren Staat der Mühe, seine 
wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung der Zollgemeinschaft die ober 
deutschen Höfe zu bekehren. Auch beim Friedensschlüsse hielt Preußen, den Rat er 
bitterter Heißsporne vornehm verschmähend, den Handelsbund aufrecht; und nur weil 
sie der Gemeinschaft des Erwerbes nicht entbehren konnten, schlossen die Höfe von 
München und Stuttgart die Gemeinschaft der Waffen mit dem Norddeutschen Bunde. 
Nur darum boten sie die Hand zu jenen Schutz- und Trutzbündnissen, denen wir 
die reinsten Erinnerungen unserer neuen Geschichte danken. 
Das Bewußtsein, daß man zueinander gehöre, daß man sich nicht mehr trennen 
könne von dem großen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes Tages 
in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser mittelbaren 
politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins. Mochten die Schulen 
der Albertiner und Welfen der Jugend die Märchen des Stammeshasses und der 
partikularistifchen Selbstzufriedenheit künden, — es ging doch zu Ende mit dem 
Philistertum der alten Zeit, das an die Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. 
Der Geschäftsmann folgte mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die 
deutschen Länder sandte; er gewöhnte sich, wie schon längst der Gelehrte, über die 
Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut mit großen 
Verhältnissen, sah mit ironischer Gleichgültigkeit auf die Kleinheit des engeren Vater 
landes. Der Gedanke selbst, daß die alten trennenden Schranken jemals wiederkehren 
könnten, wurde dem Volke fremd; wer einmal in dem Handelsbunde stand, gehörte 
ihm für immer. Als in den vierziger Jahren die Handelsverträge zwischen dem 
Zollvereine und dem Steuervereine gekündigt waren, beide Teile gespannt und ver 
stimmt sich gegenüberstanden, da ist gleichwohl niemanden der Einsall gekommen, 
die Grafschaft Hohenstein, die Enklave Hannovers im Zollvereine, aus dem Bunde 
auszuscheiden. Und wieder, als nach dem Tage von Olmütz der Hochmut Österreichs 
den Gipfel erstieg, als die deutschen Kabinette im wildesten Hasse gegen Preußen 
lärmten, da hat wohl mancher kleine Hof für die frivolen deutsch-österreichischen Zoll 
vereinspläne des Freiherrn v. Bruck sich begeistert; auszutreten aus dem Preußisch- 
Deutschen Bunde wagte keiner. Eine unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder 
Krisis die alten Grenzen des Zollvereins wieder her; kalte politische Köpfe konnten 
stets mit mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen. 
Das Ausland gab den aussichtslosen Kampf gegen unsere Handelseinheit bald 
auf. Französische Staatsmänner gestanden achselzuckend: wir haben leider den 
deutschen Staaten nichts zu bieten, was ihnen die Vorteile des Preußischen Zollver 
eins ersetzen könnte. Die Briten erhielten erst durch Dr. Bowrings Berichte (1839) 
eine deutlichere Vorstellung von dem Wesen des Zollvereines und gewöhnten sich 
fortan, Preußen als den Vertreter des deutschen Handels zu betrachten. Österreich 
chußte nach stets vergeblichen Störungsversuchen immer wieder dem Nebenbuhler 
freie Hand lassen im deutschen Verkehrsleben; nur dieser stillschweigende Vertrag 
Zwischen den beiden Großmächten sicherte notdürftig den Bestand des Deutschen 
Bundes. Dem Preußischen Staate aber waren die Wege seiner Handelspolitik so fest 
und sicher vorgezeichnet, daß auch die Feigheit sie nicht mehr verlassen konnte; dasselbe 
Kabinett, das sich in Olmütz demütigte, hat durch den Septembervertrag die letzte
	        
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