Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Gewißlich war mit dieser Lehre viel und für die Zeit des 
Klassizismus alles Größte gewonnen: eine Versöhnung der 
Moral⸗ und Staatsphilosophie Kants nach ihren Fundamenten 
und der Entwicklung der Dichtung zu deren Gunsten war 
hergestellt; für diese Dichtung war die Hilfe der Griechen mit 
Erfolg in Anspruch genommen; und ihre Prinzipienlehre war 
in die höchsten Höhen eines offenen Himmels enthusiastisch 
hineingebaut. 
Für die deutsche Dichtung insbesondere aber bedeutete 
dieser ganze Verlauf des ästhetischen Denkens Werte fast ohne 
Zahl. Sie bedurfte deren, und sie ist ohne deren Kenntnis 
kaum verständlich: denn sie ist eine Dichtung hoher Kultur. 
Für diese aber haben, eben am Schlusse unserer Periode, in 
den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, Vertreter der 
Romantik es mit Recht als maßgebend ausgesprochen: „Je 
mehr die Poesie Wissenschaft wird, je mehr wird sie auch 
Kunst. Soll die Poesie Kunst werden, soll der Künstler von 
seinen Mitteln und Zwecken, ihren Hindernissen und Gegen⸗ 
ständen gründliche Einsicht und Wissenschaft haben, so muß 
der Dichter über seine Kunst philosophieren.“* 
Eben in dieser Kunstphilosophie nicht zum geringsten hatte 
sich das junge Leben des subjektivistischen Zeitalters offenbart. 
Wie war es angegangen gegen die alte Lehre, von der die 
Kunst als Nachahmung der Natur begriffen worden war. Wie 
hatte es, in tausend abschattierten Betrachtungen, das vor— 
stellende und empfindende Subjekt in den Mittelpunkt einer 
neuen Lehre gestellt, wie hatte es dieses Subjekt in den Über— 
schwänglichkeiten der Geniezeit zum Gotte einer Willkürlaune 
erhoben, um es — in dem traurigen Ende so vieler Original⸗ 
genies — tatsächlich nicht minder tief zu stürzen. Dann aber 
war, wiederum in Muancen von reichster Mannigfaltigkeit, 
ein Ausgleich erfolgt. Frei von den trüben Bodensätzen des 
Sturmes und Dranges war für den Klassizismus die grund⸗ 
legende Erkenntnis bestehen geblieben, daß die Kunst in der 
Athenäum 1,2 S. 71.
	        
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