10, Die Zukunft der deutschen Handelspolitik im Geiste Friedrich Lifts. 513
Das zweite, was ich euch auch bereits in den vierziger Jahren zu lehren strebte,
ist: Ihr müßt Deutschlands zukünstigen Beruf in der internationalen Wirtschaft er
kennen.
Das erste, daß man den Freihandel nicht als ewige Kategorie, nicht als das
einzig Gerechte und Zweckmäßige preisen darf, das ist euch nunmehr — wie ich sehe
— in Fleisch und Blut übergegangen. Eine Seltenheit sind jene Nichts-als-Frei-
händler, mit denen ich mein Leben durch zu ringen hatte.
Aber seid ihr Deutsche deshalb den Doktrinarismus losgeworden?
Mit Nichten! Ihr versichert mit gelehrter Miene: Freihandel und Schutzzoll sind
Prinzipien, denen man je nach Lage der Umstände huldigen soll; die Wahl des
handelspolitischen Systems sei eine Zweckmäßigkeitsfrage.
Und doch verteidigt ihr in einem Atemzuge hiermit einen Satz, der allen
weiteren Entschließungen prchudiziert, einen Satz, nach dem die Handelspolitik der
freien Hand ein Gemeinplatz wird im Dienste eines bestimmten Systems, freilich nicht
des handelsfreiheitlichen: Ihr sagt, die Interessen sämtlicher Produzenten des
Deutschen Reiches seien solidarisch, das Reich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß
möglichst alle Produktionszweige entwickelt seien.
Da habt ihr mich gründlich mißverstanden. Es gab eine Zeit, in der ich selbst
energisch die Solidarität der Interessen betonte, als es galt, die Grundbesitzer davon
zu überzeugen, daß ihr bester Abnehmer nicht England, sondern die einheimische
industrielle Bevölkerung sein würde. Dies war richtig, solange es galt, die deutsche
Agrikulturnation durch Schutzzölle zu einer industriellen zu erziehen.
Aber liegt heute die Frage so wie damals? Kommt doch und blickt mit mir
zurück auf die Geschichte eurer handelspolitischen Entwickelung; steht mir Antwort
auf meine zweite Frage, die ich an euch richtete: Habt ihr Deutschlands zukünftigen
Beruf erkannt?
Ich rief euch zu: Deutschlands Zukunft ist, ein Industriestaat
zu werden, in den Wettkampf mit England einzutreten, mit England um die
Versorgung des Weltmarktes zu ringen. Einstweilen riet ich euch, daheim euch zum
Ringkampf zu rüsten und zu üben, bis ihr stark würdet; dann aber euch hinaus
zuwagen in die weite Welt.
Welche Anwendung habt ihr aus meinen Lehren gezogen?
Als ihr in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch überwiegend ein Staat
des Ackerbaues und der Kleinhandwerker wäret, da mahnte ich euch: Erziehet euch
zum Agrikultur-Manufakturstaat: die Schutzzölle habt ihr damals geschaffen.
Dann kam die Zeit des französischen Handelsvertrages. Vielleicht zu früh, jeden
falls frühzeitiger, als bis ihr völlig zur Agrikultur-Manufaktur-Handelsnation, zu
einer vorwiegend an Ausbreitung des Fabrikatenexports interessierten Nation ent
wickelt wäret, setzte eine freihändlerische Entwickelung ein.
Doch ihr habt, bis ihr einseitig auf Drängen der Agrarier die Sache übertriebt,
darunter nicht zu leiden gehabt, denn die freihändlerische Vertragspolitik hat euch neue
Absatzgebiete zugesichert.
Als dann 1879 der Rückschlag kam, da rieft ihr Friedrich Lifts Manen zur
Unterstützung der neuen Schutzzollära an, da erklärtet ihr, die neue Schutzzollpolitik
aus der deutschen Geschichte, aus den Zollvereinstraditionen rechtfertigen zu wollen.
Nie hat mich etwas mehr überrascht als dieses. Nicht wegen des Umstandes,
daß ihr Agrarschutz einführtet, den ich seiner Zeit bekämpft, nein, wegen der Ver
kennung der Lehren der Geschichte.
Nie wiederholt sich wörtlich die Geschichte bei einem und demselben Volke, am
wenigsten die Geschichte der Handelspolitik, wenn ein Volk stetig fortschreitet.
Mollat. Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. gz