516 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
Kultur und Wohlfahrt in den einzelnen Entwicklungsstadien derselben bedient hat.
Es erscheint das Ganze als die Durchführung eines großen Erziehungsprozesses, vergleichbar
dem eines einzelnen Menschen. In der Kindheit wird ihm jede Handlung
und Bewegung gewiesen, jede Störung von dem zarten Organismus auf das sorgsamste
abgehalten, im Jünglingsalter ziehen Eltern und Erzieher die schützende und
führende Hand allmählich zurück, bis endlich der fertige Mann in stolzer Selbständigkeit
den Kampf mit der rauhen Wirklichkeit mutig aufnimmt und gerade in biefcm
Kampfe zu immer größerer Tatkraft erstarkt.
So kann die Zeit vom Dreißigjährigen Kriege bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts
als die Kindheit der deutschen Industrie, der Verlauf des 19. Jahrhunderts
als ihr Jünglingsalter angesehen werden, und es fragt sich nur noch bei jedem einzelnen
Industriezweige, ob er schon zur männlichen Entwicklung herangereift ist, oder
ob er noch eine Zeitlang des Schutzes und der Erziehung bedarf.
Im 18. Jahrhundert galt es, Deutschland aus dem furchtbaren Elend, in welches
es der Dreißigjährige Krieg und die politische Ohnmacht des Reichs gestürzt hatten,
herauszuheben und einer armen und gesunkenen Bevölkerung neue Erwerbsquellen
zu eröffnen. Dieser Aufgabe nahmen sich die Landesherren in Preußen an. Künstlich
belebte Einwanderung aus industriellen Gegenden, Geldvorschüsse, Geschenke, Regelung
der gewerblichen Verfassung und der Technik seitens der Obrigkeit, ausgedehnter
staatlicher Gewerbe- und Handelsbetrieb, möglichste Absperrung jedes einzelnen Industriebezirks
und des ganzen Staatsgebietes gegen das weiter vorgeschrittene Ausland,
dies waren die scharf eingreifenden und straff gehandhabten Mittel, wodurch es gelang,
den geschwundenen Gewerbfleiß in Preußen neu zu beleben und die Grundlage
zur späteren Entfaltung desselben zu schaffen.
Mit der Proklamierung der Gewerbefreiheit im Jahre 1810 hörte dann jede
direkte Unterstützung der Industrie von seiten des Staates auf. Nur blieb noch
lange Zeit speziell für die Eisenindustrie das landesherrliche Hüttenwesen als Beispiel
eines mustergültigen Betriebes erhalten; es wurde jedoch, als die Tüchtigkeit der
Privathütten immer mehr wuchs, allmählich eingeschränkt.
Auch die Handelspolitik erfuhr mit der großen Zollreform von 1818 eine vollständige
Umwandlung. Dem Auslande gegenüber behielt man einen mäßigen Schutzzoll
bei, welcher die Konkurrenz desselben absichtlich nicht ausschloß; denn, wie sich die
berühmte Geschäftsinstruktion vom 26. Dezember 1808 — einigermaßen den Ereignissen
vorgreifend — äußerte, hielt man „neben der Unbeschränktheit bei Erzeugung
und Verfeinerung der Produkte die Leichtigkeit des Verkehrs und Freiheit des Handels,
sowohl im Inneren als mit dem Auslande, für ein notwendiges Erfordernis zum
Gedeihen von Industrie, Gewerbfleiß und Wohlstand, zugleich auch für das natürlichste,
wirksamste und bleibendste Mittel, ihn zu befördern." Die wichtigste Seite der
großen preußischen Zollreform war aber die Schaffung eines weiten Binnenmarktes,
indem auf dem vergrößerten Staatsgebiete die Akzise und die Binnenzölle beseitigt
und so einerseits die innere Konkurrenz als bestes Belebungsmittel der Industrie an
die Stelle der direkten staatlichen Subventionen gesetzt wurde und andererseits der ungehemmte
Vertrieb der Waren aller Industriezweige über ein dem Auslande gegenüber
geschütztes Gebiet in ausgedehnterem Maße ermöglicht wurde. Hierin lag auch
der Segen der Gründung des Zollvereins im Jahre 1833 und seiner allmählichen Erweiterung
über ganz Deutschland. Jeder Zuwachs desselben war ein neuer Impuls
für die deutsche Industrie zu erhöhter Tüchtigkeit der Leistungen, wenn auch einzelne
Werke der verschärften inneren Konkurrenz erlagen. Dem Auslande gegenüber setzte
der Zollverein die preußischen Traditionen eines mäßigen Schutzes fort. Unter diesen
Verhältnissen erfreute sich zunächst die Eisenindustrie einer ruhigen und stetigen Entwicklung.
Der Eisenverbrauch dehnte sich bei allmählicher Steigerung des allgemeine»