Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Das  Verkehrswesen  bei  den  Römern.  321
unsichere  Wildnisse,  wo  im  Altertum  lange  Karawanen  auf  prachtvollen  Kunststraßen
hinzogen.
Die  völlige  Zentralisation  der  Verwaltung  und  Regierung  in  Rom,  die  mit
der  Begründung  der  Monarchie  eintrat,  machte  ein  umfassendes,  über  das  ganze
ungeheure  Ländergebiet  ausgedehntes  Strahenfystem  zum  unabweislichen  Bedürfnis,
in  administrativer,  militärischer,  merkantiler  und  politischer  Hinsicht.  Die  Hauptlinien ­
  dieses  Systems  sind  für  die  ganze  Monarchie  von  Augustus  gezogen  worden,
der  hier  eine  Lebensfrage  für  das  unter  seiner  Herrschaft  vereinigte  Weltreich
erkannte  und  dem  Gegenstände  eine  seiner  Wichtigkeit  ganz  angemessene
Aufmerksamkeit  widmete;  er  selbst  übernahm  die  Aufsicht  über  den  Straßenbau ­
  in  der  nächsten  Umgebung  Roms.  Auf  dem  Forum  errichtete  er  die
sog.  goldene  Meilensäule  (miliarium  aureum),  vermutlich  so  genannt,  weil
hier  auf  vergoldeten  Bronzetafeln  die  Zielpunkte  der  in  den  Hauptrichtungen
auslaufenden  Heerwege  nebst  den  Entfernungen  angegeben  waren;  noch  jetzt  sieht
man  in  der  Nähe  des  Severusbogens  den  Unterbau  des  Monumentes,  eine  dreifach ­
  abgestumpfte  Basis  mit  Ziegelbekleidung.  Die  späteren  Kaiser  setzten  das  von
Augustus  angefangene  Werk  fort  und  führten  es  zur  Vollendung;  um  die  Mitte  des
3.  Jahrhunderts  n,  Chr.  ungefähr,  darf  man  annehmen,  umfaßten  die  Straßenzüge
schon  das  ganze  römische  Reich  von  der  schottischen  Grenze  bis  an  die  Nordküsten
Afrikas  und  wieder  vom  Atlantischen  Meer  bis  zum  Euphrat.  Um  das  Jahr  333
n.  Chr.  ist  eine  Wegekarte  mit  Angabe  der  Stationen  und  Entfernungen  für  Pilger
nach  dem  Heiligen  Lande  abgefaßt,  ein  zusammenhängender,  mit  Meilensteinen
versehener  Bau  leitete  damals  die  Reisenden  von  Bordeaux  nach  Jerusalem  und
von  hier  nach  der  Südgrenze  Ägyptens  oder  zum  westlichen  Ufer  Afrikas.  Die  Kosten
der  Wegebauten  in  den  Provinzen  wurden  aus  den  Einnahmen  bestritten,  die
Ausführung  ungemein  durch  Verwendung  der  Garnisonen  zu  diesen  Arbeiten
erleichtert.  Die  Arbeitskräfte  der  Legionen  wurden  überhaupt  in  ruhigen  Zeiten
in  ausgedehntester  Weise  zu  gemeinnützigen  Zwecken  verwendet,  und  gar  manche
imposante  Werke  der  Kaiserzeit,  als  Kanäle,  Brücken,  Häfen  rc.,  sind  durch  sie  ausgeführt ­
  oder  im  Stande  gehalten  worden.  Übrigens  arbeiteten  auch  Verbrecher
an  den  Reichschausseen.
Interessant  im  hohen  Grade  ist  es,  was  die  Römer  in  bezug  auf  Griechenland
in  dieser  Hinsicht  taten.  AIs  der  Kaiser  Nero  den  Korinthischen  Isthmus  zum  ersten
Male  erblickte,  erwachte  in  ihm  der  Wunsch,  durch  Ausführung  eines  gewaltigen
Bauwerkes,  durch  einen  großen  Sieg  über  die  Gewalten  der  Natur  seine  kaiserliche
„Allmacht"  recht  deutlich  ans  Licht  zu  stellen.  Er  gedachte  nämlich,  die  felsige  Landenge ­
  zwischen  dem  Korinthischen  und  Saronischen  Meerbusen  durchstechen  zu  lassen,
um  durch  ein  solches  Werk  ähnliche  Großtaten  der  Vorzeit  in  den  Schatten  zu
stellen  und  wahrscheinlich  auch  den  Ruhm  seiner  Vorgänger  auf  dem  römischen
Throne,  die  sich  mit  demselben  Plane  getragen  hatten,  durch  dessen  wirkliche  Durchführung ­
  zu  überbieten.  Sofort  wurden  alle  nötigen  Vorbereitungen  zu  dem  Kanalbau ­
  getroffen;  von  allen  Seiten  wurden  Arbeiter  herbeigeführt,  die  Strafgefangenen
von  den  griechischen  Inseln  nach  dem  Isthmus  gebracht,  auch  die  Prätorianer
zur  Teilnahme  an  den  Arbeiten  bestimmt,  die  Arbeiten  selbst  —  anscheinend  gegen
Ende  des  Jahres  67  —  feierlich  eröffnet.  Allein  die  demnächst  mit  furchtbarer  Gewalt
ausbrechenden  Thronkämpfe  im  römischen  Reiche  vereitelten  jeden  Gedanken  an  die
Fortsetzung  der  Kanalbauten;  der  angefangene  Graben  blieb  liegen,  —  ein  treues
Symbol  der  Cäsarenwirtschaft  jener  Periode,  wo  gerade  an  den  besseren  und
wohltätigen  Schöpfungen  und  Plänen  der  Regenten  der  Charakter  des  Zufälligen
und  der  Gewähr  auf  Dauer  Entbehrenden  fortwährend  wie  ein  Fluch  haftete.
            
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