4. Die größte Talsperre Europas.
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Die Aufgabe der Sammelbecken ist eine mannigfaltige. Die natürlichste und
ursprünglichste Verwendung findet das aufgespeicherte Wasser zur Bewässerung von
Ländereien. Eine große Anzahl von Talsperren, namentlich in Spanien, Algier,
Ägypten, Indien und Nordamerika, darunter die großartigsten überhaupt bestehenden
Anlagen, dient vorwiegend diesem Zweck. Mit zunehmender Kultur und Bevöl
kerungsdichte wachsen die Aufgaben, die das Wasser im Haushalt der Nationen zu
erfüllen hat, und die modernen Talsperren dienen daher verschiedenen Zwecken. Neben
die Landwirtschaft tritt die Industrie mit ihrem Verlangen nach billigen Kraftquellen
und nach Gebrauchswasser, die großen Städte müssen ihre Bewohner mit Wasser zu
allen möglichen Zwecken versorgen, die Wassertiefe der Ströme muß vergrößert
werden, um den Ansprüchen des Verkehrs zu genügen, und die künstlichen Schifs-
fahrtskanäle müssen mit Wasser versorgt werden. Endlich verlangen alle Berufs
stände gleichmäßig nach dem Schutz ihrer in den Flußtälern liegenden Anlagen gegen
Hochwassergefahren. Zu allen diesen Aufgaben hat man die Talsperren herangezogen.
In der Regel erfüllt heute eine Talsperre gleichzeitig mehrere Aufgaben, und fast alle
dienen sie dem Hochwasserschutz.
Während im Ausland, wie gesagt, vielfach ungeheure Wassermengen aufge
speichert werden, um große Landflächen zu bewässern, kennen wir in Deutschland der
artige Anlagen nicht. Die Niederschläge verteilen sich im allgemeinen so günstig über
die Jahreszeiten, daß die Ackerflächen nicht der künstlichen Bewässerung bedürfen.
Dagegen hat die Industrie auch bei uns schon früh angefangen, den Wasserhaushalt
der Natur zu beeinflussen. Bald nachdem im 16. Jahrhundert der Oberharzer Berg
bau wieder erwacht war, begann man, die kleinen Waldtälchen in der Umgebung von
Klaustal und Zellerfeld durch Dämme abzusperren und das aufgespeicherte Wasser
nach den Bergwerken und Hütten zu leiten. Allmählich dehnte sich dies Netz von
Teichen und Gräben, das heute noch der Lebensnerv des Oberharzer Bergbaus ist,
bis zum Abhang des mehr als 20 km von Klaustal entfernten Brocken aus. Im
ganzen werden in der Klaustaler Gegend rund 10 Millionen cbm Wasser aufgestaut.
Hierzu kommt noch der aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts stammende Oderteich
mit einem Inhalt von 1,7 Millionen cbm, von dem aus die Gruben bei Andreasberg
versorgt werden. Wer den Oberharz durchwandert hat, dem ist das Bild der ge
heimnisvoll in den dunklen Tannenwäldern verborgenen Teiche unauslöschlich ins
Gedächtnis eingegraben.
Diesem großartigen Beispiel künstlicher Aufspeicherung von Wasser kann in
Deutschland kein zweites aus älterer Zeit zur Seite gestellt werden. Erst dem großen
wirtschaftlichen Aufschwung, der der Gründung des Reiches folgte, verdanken wir auch
eine neue Belebung des Talsperrenbaus. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhun
derts sehen wir in den Vogesen einige Talsperren für landwirtschaftliche und indu
strielle Aufgaben entstehen. Fast gleichzeitig beginnen unter dem Einfluß I n tz e s
die Talsperrenbauten in Rheinland und Westfalen. Hier waren es besonders die
Triebwerke in den Tälern des Wupper- und des Ruhrgebietes, sowie die großen
Industriestädte, die nach einer Verbesserung der Abflußverhältnisse verlangten. In
den ersten Jahren dieses Jahrhunderts folgen die Talsperrenbauten in Schlesien und
Böhmen, mit deren Hilfe man den großen Hochwasserschäden vorbeugen will, denen
die Täler der Oder und ihrer Nebenflüsse seit dem Jahr 1897 wiederholt ausgesetzt
waren. Sodann sehen wir als Teil der großen Wasserwirtschaftspläne der preußischen
Regierung die Waldecker und bald wohl auch die Diemeltalsperre entstehen. Endlich
finden wir fast über das ganze Reich noch eine große Reihe von einzelnen Talsperren
bauten verbreitet.
Alle diese Bauten wird die eben genannte Waldecker Talsperre in den
Schatten stellen, die der Erhöhung des Niedrigwassers der Weser, der Speisung des