572 Fünfter Teil. Verkehr. IV. Binnen- und Seeschiffahrt.
im Rheinfeeverkehr hauptsächlich hochwertige Güter (Fabrikate) in Betracht, während
bei der Zufuhr zum Rheine neben ihnen auch Massengüter, wie Erze, Holz, Metall,
Saatgut, Sprit, Getreide, Öl und Südfrüchte eine erhebliche Rolle spielen.
Die Zunahme des Rheinfeeverkehrs würde zweifellos noch größer fein, wenn
die Rheinseeschiffahrt nicht wegen des vielfach ungünstigen Wafserstandes in erheb
lichem Maße zu Leichterungen und Umladungen in den holländischen Häfen, nament
lich Rotterdam, gezwungen würde, womit bedeutende Kosten und andere Unzuträg
lichkeiten verbunden sind. Unter diesen Umständen war naturgemäß das Interesse
der beteiligten Kreise schon alsbald daraufhin gerichtet, durch eine weitere Vertiefung
des Fahrwassers unterhalb Kölns die Möglichkeit einer umfassenden Ausgestaltung
des Rheinseeverkehrs zu bieten, eine Frage, die zu Beginn der neunziger Jahre sowohl
vom technischen Standpunkte wie auch, auf Veranlassung der Kölner Handelskammer,
nach der wirtschaftlichen Seite hin eingehend erörtert worden ist. Die Preußische
Bauverwaltung hat in Verfolg jener Anregungen umfangreiche Stromuntersuchungen
im Rheine auf der Strecke von Koblenz bis zur niederländischen Grenze vorgenommen
und über deren Ergebnis eine besondere Denkschrift veröffentlicht. Nach dieser Denk
schrift läßt sich auf der niederrheinischen Fluhstrecke ein Fahrwasser von 3,50 m Tiefe
und 150 m Breite bei gemitteltem Niedrigwasser von 1,50 m am Kölner Pegel gegen
über dem jetzigen Fahrwasser von 3 m herstellen; darüber hinaus wird voraussichtlich
eine besondere, etwa 50—70 m breite Rinne von 4V 2 bis 5 m bei Niedrigwasser zu
erzielen sein, deren Ausnutzung bei günstigem Wasserstande entsprechend steigen würde
derart, daß die durchschnittliche regelmäßige Fahrtiefe bei Mittelwasser mindestens 1 m
mehr betrüge. Mit einer größeren Vertiefung ist jedoch praktisch nicht zu rechnen,
immerhin würde schon eine solche Rheinvertiefung von bedeutendem Werte sein. Sie
wird zum mindesten die bei ungünstigem Wasserstande jetzt regelmäßig notwendigen
Leichterungen in Rotterdam ganz erheblich einschränken und dadurch nicht nur eine
beträchtliche Kostenersparnis herbeiführen, sondern auch den der Rheinseeschiffahrt
eigentümlichen Vorteil des direkten Verkehrs zwischen den Rheinhafenplätzen und den
überseeischen Häfen unter Vermeidung der Umladung der Güter in Rotterdam wesent
lich steigern. Da für zahlreiche Güterarten die Rheinseeschiffahrt gerade wegen dieses
Vorzuges gegenüber dem gebrochenen Verkehr von besonderem Vorteil ist, so eröffnet
sich mit der Vertiefung des Rheines die begründete Aussicht auf eine kräftigere, raschere
Fortentwickelung dieses Verkehrs. Freilich der Gedanke, daß auch die größten See
schiffe den Rhein einmal befahren werden, wird für alle Zukunft abzuweisen sein, schon
aus dem Grunde, weil bestenfalls nur mit einer Tiefe von 5 m zu rechnen ist, wohin
gegen die deutschen Seehäfen eine solche von 6 m bis herauf zu fast 10 m aufweisen.
6. Hymnus auf die See.
Von Friedrich List.
List, Die deutsche Flagge. In: Das Zollvereinsblatt. Redigiert von List. Nr. 2 vom
8. Januar 1843. S. 17—19.
Die See ist die Hochstraße des Erdballs. Die See ist der Paradeplatz der Natio
nen. Die See ist der Tummelplatz der Kraft und des Unternehmungsgeistes für alle
Völker der Erde und die Wiege ihrer Freiheit. Die See ist die fette Gemeindetrift, auf
welche alle wirtschaftlichen Nationen ihre Herden zur Mästung treiben. ■ Wer an der
See keinen Teil hat, der ist ausgeschlossen von den guten Dingen und Ehren oer Welt,
— der ist unsers lieben Herrgotts Stiefkind.