Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6. Hymnus auf die See. 
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In der See nehmen die Nationen stärkende Bäder, erfrischen sie ihre Glied 
maßen, beleben sie ihren Geist und machen ihn empfänglich für große Dinge, gewöhnen 
sie ihr körperliches und geistiges Auge, in weite Fernen zu sehen, waschen sie sich jenen 
Philisterunrat vom Leibe, der allem Nationalleben, allem Nationalaufschwung so 
hinderlich ist. Das Salzwasser ist für die Nationen eine längst erprobte Panazee; es 
vertreibt ihnen die Titelsucht, die Blähungen aller den gesunden Menschenverstand ver 
zehrenden Stubenphilosophie, die Krätze der Sentimentalität, die Lähmungen der 
Papierwirtschaft, die Berstopfungen der gelehrten Pedanterei und heilt Stubenver 
sessenheiten und Grillenfängerei aus dem Grunde. Dabei gibt es dem Magen der 
Nation Ton; denn es bringt Reichtum und Genüsse, Mut und Lebensfreudigkeit in 
die Masse des Volkes. Seefahrende Leute lachen über das Hunger- und Sparsystem 
am Boden kriechender Nationalökonomen, wohl wissend, daß die See an guten Dingen 
unerschöpflich ist, und daß man nur Mut und Kraft haben dürfe, sie zu holen. Eine 
Nation ohne Schiffahrt ist ein Vogel ohne Flügel, ein Fisch ohne Flossen, ein zahn 
loser Löwe, ein Hirsch an der Krücke, ein Ritter mit hölzernem Schwert, ein Helote und 
Knecht der Menschheit. Und so tief sinkt zuletzt der öffentliche Geist insektenartig auf 
dem Lande kriechender Nationen, daß sie diejenigen verspotten und verfolgen, die 
ihnen raten, sich zur See zu versuchen, wie im Lande der Hinkenden der Sonderling 
verlacht wird, der keck auf zwei Beinen daherschreitet. Wir sprechen nicht von Deutsch 
land, — bewahre der Himmel! — wir sprechen von den Äthiopiern, von den Chinesen 
und Japanesen, von den Leuten am Himalaya, von allen jenen Schwächlingen, welchen 
die See weder Nahrung noch Stärkung bringt. Wir Deutschen haben noch eine Schiff 
fahrt, Gott sei's gedankt und den braven rüstigen Leuten an den Mündungen der 
Ems, der Weser, der Elbe, der Trave, der Oder. vor allen aber unsern wackern Bre 
mern, die unter dem Schutze Gottes und seiner Heiligen den ganzen Erdball so mutig 
beschissen, als segelten sie unter der Flagge der mächtigsten Nation, als wären sie 
nicht den Fußtritten und Rippenstößen jedes mutwilligen Barbaren bloßgestellt, den 
die Lust anwandelt, sich an ihnen zu vergreifen. 
Tiefsinnige Gelehrte, Politiker vom feinsten Wasser haben bewiesen, Deutschland 
besitze weder Mittel noch Lust, eine seefahrende Nation zu werden; die Deutschen seien 
durchweg Landratten, liebten, wie Gewürm am festen Boden zu kriechen, und fürch 
teten die Gefahren der See, die keine Balken habe. O! ihr Büchermacher, wie ihr 
euer Land und Volk kennt! Möchte doch einer von euch in die noch unentdeckten 
Gegenden an der Ost- und Nordsee zu reisen wagen und sich die Länder und ihre 
Bewohner beschauen und ihr Tun und Treiben, ihr Leben und Weben beobachten 
und euch schulgerechte Tabellen darüber anfertigen: wieviele junge Leute hinausziehen 
in den Seedienst aller Länder und Weltteile, weil die einheimische Schiffahrt ihrem 
Drang und Sehnen nach dem Leben und den Gefahren der See keine Befriedigung 
gewähren kann; wieviele zu Hause bleiben, denen kein Beruf lieber wäre als der See- 
dienst, könnten sie in der vaterländischen Schiffahrt Unterkunft finden; welches Ge 
schick, welche Lust und Kraft diese Leute zum Seedienst besitzen, und wieviele Schiffe 
zu bemannen wären, und wieviele tüchtige Kapitäne nur allein die Uferstaaten zu 
erziehen vermöchten, von dem Binnenland nicht zu reden, und welche Materialien und 
Werkleute sich zum Behuf des Schiffbaues bei ihnen vorfinden, und wieviel und welche 
Arten Schiffbauhölzer jetzt außer Landes gehen, die zum einheimischen Schiffbau ver 
wendet werden könnten, und welche Fortschritte die deutschen Seeleute und Schiff 
bauer im Bauen und in der Führung der Schiffe und die deutschen Matrosen im See 
dienst ohne alle Begünstigung von seiten der deutschen Staaten, — ja noch im schweren 
und erniedrigenden Kampfe mit den Schiffahrtsbeschränkungen aller fremden Nationen 
gemacht haben, — das wären einmal Tabellen, die zu vernünftigen Schlüssen führen 
könnten!
	        
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